Künstliche Intelligenz in Bremen – die Übersicht

KI-basierte Technologien halten in immer mehr Unternehmen Einzug.

KI-basierte Technologien halten in immer mehr Unternehmen Einzug.

von Jann Raveling
Künstliche Intelligenz (KI) ist in Bremen angekommen. In Wissenschaft und Wirtschaft arbeiten und forschen mehrere Hundert Spitzenkräfte an der Zukunftstechnologie. Jetzt haben sie ein Netzwerk gegründet, dass ihre Interessen vertritt: BREMEN.AI

KI gilt als eine der Schlüsseltechnologien der kommenden Jahre. Kaum eine Branche wird auf sie verzichten können, ob in der Industrie oder im Dienstleistungsgewerbe. So schätzt eine aktuelle Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi), dass in den kommenden fünf Jahren bis zu 30 Milliarden Euro an Wirtschaftswachstum durch KI-Technologien ausgelöst wird, ein Drittel des angenommenen Gesamtwerts. (Quelle: PDF der BMWi-Studie)

Aus diesem Grund wird der Entwicklung von KI-Technologien weltweit eine hohe Relevanz beigemessen, das KI-Strategiepapier der Bundesregierung aus dem November 2018 bestätigt dies allein schon durch die Bereitstellung von mehr als drei Milliarden Euro in den kommenden Jahren.

In Bremen ist die Gründung des Netzwerks BREMEN.AI ein Zeichen dieser Relevanz. In der Region arbeiten rund 50 Unternehmen und wissenschaftliche Institute verschiedener Größe ganz oder in Teilbereichen mit KI-Technologien. Das Netzwerk dient dem gemeinsamen Austausch und als Katalysator für neue Ideen, indem es Netzwerktreffen und Arbeitsgruppen zu Fachthemen organisiert, bei Projekten unterstützt und die Anwerbung und Ansiedlung von neuen Talenten und Unternehmen fördert.
Wir stellen die wichtigsten Akteure vor:

KI-Unternehmen in Bremen

Ubimax

Das Unternehmen ist weltweit Marktführer im Bereich der auf Augmented Reality (AR) basierten Wearable-Computing-Lösungen. Ubimax-Produkte kommen in der Industrie zum Beispiel in der Logistik und Fertigung zum Einsatz. Dort statten sie Lager- und Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter mit Datenbrillen aus. Über die Brillen werden den Angestellten kontextrelevante Informationen zu ihrer Arbeit eingeblendet, etwa Kommissionieraufträge oder Montageanleitungen.

Auch die KI spielt hierbei eine wichtige Rolle. „KI ist eine wichtige Komponente innerhalb der Ubimax Frontline Plattform. Von der einfachen Sprachsteuerung über das Transkribieren von gesprochenen Sätzen in Echtzeit bis hin zur Objekt-, Bilder- und Aktivitätserkennung setzt Ubimax auf KI-Methoden“, sagt Dr. Hendrik Witt, Geschäftsführer und Gründer von Ubimax. „Unsere Software erkennt so zum Beispiel, ob ein Werker sich gerade bewegt, steht oder sich bückt und passt so automatisch das Userinterface an. Ohne Einsatz von KI wären solche Szenarien nicht möglich.“

Bremen.AI sieht Witt als eine Plattform zur Vernetzung, die es ihnen ermögliche, am „Zahn der Zeit“ hinsichtlich neuer KI-Methoden zu bleiben. „Wir versprechen uns ebenfalls davon, neue Verbundprojektpartner zu finden, um noch stärker Konsortien bilden zu können. Zu guter Letzt wollen wir uns natürlich auch Dritten als attraktiver Partner und möglicher Arbeitgeber präsentieren, um den Standort Bremen in dem Bereich weiter zu stärken und auszubauen.“

JUST ADD AI

Künstliche Intelligenz ist für viele Unternehmen noch eine Utopie – dabei kann KI schon heute in vielen Anwendungsgebieten schneller und besser Ergebnisse erzielen als Menschen. Die JUST ADD AI GmbH (JAAI) aus Bremen hilft Unternehmen dabei, den aktuellsten Stand der KI-Technologie zu verstehen und anzuwenden. Neben diversen Krankenkassen nutzt zum Beispiel auch Werder Bremen die Hilfe der KI-Experten von JAAI, um bei der Talentsuche erfolgreicher zu sein. Das Bremer Unternehmen hat unter anderem ein Scouting-Tool entwickelt, dass die Künstliche Intelligenz nutzt, um die gigantische Talentdatenbank des Fußballvereins mit über 100.000 Einträgen intelligent zu durchsuchen und Talentscouts in ihren Entscheidungen zu unterstützen.

„Die Bedeutung von KI für die gesamte Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft wird in den nächsten Jahren exponentiell wachsen“, sagt Roland Becker, CEO der JUST ADD AI GmbH und Initiator von BREMEN.AI. „Es ist wichtig, dass die Bremer Akteure in Wissenschaft und Wirtschaft sich auch jenseits von Förderprojekten effektiv vernetzen und gemeinsam die tatsächliche Anwendung von künstlicher Intelligenz in der Praxis vorantreiben. Bremen bietet hierfür wegen der besonders hohen Dichte von KI-Kompetenz und KI-Aktivitäten einerseits und den davon profitierenden ansässigen Branchen andererseits einen idealen Nährboden.“

hmmh AG

Seit mehr als 20 Jahren beschäftigen sich die Bremer IT-Pioniere von hmmh mit eCommerce – sind damit so alt wie die Branche selbst. Sie haben jeden Trend mitgemacht und in vielen Fällen auch aktiv mitgestaltet. „In den vergangenen Jahren hat die Automatisierung im Onlinegeschäft stark zugenommen“, erklärt Bastian Diedrich, Head of Business Development bei hmmh, „wir haben begonnen, die KI vermehrt einzusetzen, um den nächsten Entwicklungsschritt im Connected Commerce zu vollziehen. KI spielt hier eine immer extremere Rolle, da wir auf Basis von Nutzerverhalten viel relevantere Empfehlungen für Produkte und Services abgeben können. Damit können sich unsere Experten stärker auf Kernprozesse konzentrieren und nutzen damit die Arbeitszeit für wichtigere Aufgaben, als noch vor zehn Jahren.“

Dabei begab sich das Team um Diedrich auf die Suche nach Partnern, um gemeinsam die Möglichkeiten der neuen Technologie zu ergründen. Direkt in Bremen wurden sie fündig: etwa bei Roland Becker von JUST ADD AI oder den führenden Köpfen aus dem Deutschen Zentrum für künstliche Intelligenz. „Wir müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen, denn partnerschaftlich erreichen wir mehr für Bremen“, davon ist Diedrich überzeugt und weiß: „Mit dem Netzwerk können wir Bremen als einen herausragenden KI-Standort in Deutschland positionieren, der attraktiv für Unternehmen und Fachkräfte ist.“

Blackout Technologies

Wenn Roboter uns eines Tages in Verkaufsgespräche verwickeln, uns am Flughafen den Weg weisen und zu Begleitern im Alltag werden, könnte Blackout Technologies seine Finger im Spiel gehabt haben. Blackout ist ein Pionier im Bereich Social Robotics – Roboter, die mit Menschen interagieren und ihnen im Alltag oder im Büro helfen sollen. Zum Beispiel als Verkäufer im Laden. Dank der Rechenpower von Cloud-Netzwerken und schlauen Algorithmen hinter den KIs können die bremischen Roboter Sprachanfragen verarbeiten, ihren Sinn verstehen und entsprechende Antworten formulieren.

Die KI-Expertinnen und -Experten haben sich World Trade Center Bremen angesiedelt. In Bremen fühlen sie sich ideal aufgehoben – und wollen ihre Expertise nun in das Netzwerk einbringen. „Wir haben hier Kontakt zu anderen Start-ups mit vielversprechenden Technologien und sitzen in der Bremer Airport-Stadt in direkter Nähe zu potenziellen Kunden, die wir für uns gewinnen möchten“, so Lisa Fischer, Gründerin von Blackout.

ePhilos

aiPhilos ist eine intelligente Suchmaschine, die das Suchen innerhalb von Onlineshops oder Webseiten einfacher macht. Sie kann ganz klassisch per Tastatur oder per Sprachbefehl bedient werden und wird von ePhilos, einem Bremer Softwaredienstleister entwickelt, in Zusammenarbeit mit dem DFKI. Sie verbindet die Digitaltrends KI, Cloud-Dienste und Sprachsteuerung miteinander.

Wearhealth

Das Start-up WearHealth entwickelt eine Plattform, welche die Daten von Wearables, Computer in Kleidung und am Körper, im Unternehmen sammelt und mithilfe von Künstlicher Intelligenz auswertet. Ziel ist es, Arbeitsunfälle zu vermeiden, die Gesundheit zu fördern und die Produktivität zu erhöhen. Das Unternehmen hat bereits 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an drei Standorten.

Airbus

Im November 2018 startete CIMON in All: Der Roboter-Assistent hilft bei der Erprobung von Robotern im Weltraum. Die fußballgroße Kugel soll die Arbeit von Astronautinnen und Astronauten erleichtern. Sie ist mit einer Künstlichen Intelligenz ausgestattet und wurde unter anderem in Bremen von Airbus gebaut.

Kraken Robotics

Das Spin-off des DFKI arbeitet an Unterwasser-Bildgebung mittels verschiedener Sensoren sowie an der Automatisierung von Unterwasserrobotern. Dabei setzt das Unternehmen auf maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz um den Robotern autonomes Handeln zu ermöglichen.

Ground Truth Robotics

Ganz ähnlich arbeitet auch Ground Truth Robotics. Das Bremer Unternehmen überführt die Forschungsergebnisse des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Produkte, für die sich auch die Industrie interessiert.

XTL Kommunikationssysteme

Die XTL hat in verschiedenen Forschungsprojekten ein KI-basiertes Dispositionssystem für die Logistikbranche entwickelt, das eine Tourenoptimierung in der Logistik in Echtzeit ermöglicht. Die Software-as-a-Service (SaaS) Lösung kann bei sich spontan ändernden Rahmenbedingungen zu jedem Zeitpunkt Touren dynamisch verbessern und so Transporte effizienter, kundenfreundlicher, flexibler und zuverlässiger machen. Dabei werden mit maschinellen Lernverfahren und Analytics zukünftig eintretende Ereignisse in der Tourenplanung berücksichtigt.

Wissenschaft

Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz DFKI

Das DFKI ist absolute Top-Adresse in Sachen KI – das Institut strahlt weit über Landesgrenzen hinaus, genießt internationales Renommee. In Bremen forscht es an den beiden Schwerpunkten „Robotics Innovation Center“ (RIC) und „Cyber-Physical-Systems“ (CPS).

Im RIC steht die Verbindung zwischen Roboter und Künstlicher Intelligenz im Fokus. In zahlreichen Projekten leisten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Pionierarbeit, vor allem in den drei Teilgebieten Wahrnehmung, Erkennung und Ausführung. Denn Roboter müssen eines Tages mittels KI komplexe Sachverhalte eigenständig erkennen, interpretieren und auf sie reagieren können – etwa bei unvorhergesehenen Ereignissen im Straßenverkehr. Der Bereich CPS ergänzt diese Forschung durch die Überprüfung (Verifikation) von KI-Systemen auf ihre Korrektheit – nicht, dass plötzlich die KI eine Katze für einen Apfel hält.

In das BREMEN.AI-Netzwerk bringt das DFKI seine Expertise vor allem im Bereich der Anwendung ein. „Wir haben kürzlich Raise Robotics gegründet, ein Unternehmen, das einerseits Unternehmen mit Training, Schulung und Beratung unterstützt“, sagt Prof. Dr. Dr. h.c. Frank Kirchner, Leiter des Robotics Innovation Centers. „Zum anderen entwickeln wir dort ein Plattform-Ökosystem, mit dem wir Anwendern schnell und einfach den Zugang zur KI-Technologie ermöglichen wollen.“ Mit der Gründung werde zudem Fachkräften eine Perspektive geboten, in Bremen ihre Karriere fortzuführen – oder wie Kirchner es ausdrückt: „Der Kreis in der Wertschöpfungskette schließt sich“.

Technologie-Zentrum Informatik und Informationstechnik TZI

Im TZI wird in zahlreichen Arbeitsgruppen und Forschungsbereichen die digitale Zukunft mitgestaltet. Eine Kernaufgabe des Instituts besteht darin, Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in die Industrie zu bringen, um sie damit der Gesellschaft zukommen zu lassen.

Im „Digital Media Lab“ entwickelt die Arbeitsgruppe von Institutsdirektor Prof. Dr. Rainer Malaka neue intuitive und intelligente Interaktionsformen für die digitalen Medien der Zukunft. Sei es in der Automobilbranche, in der Medizin, Telekommunikation oder im „Smart Home“.

„Das TZI arbeitet mit regionalen und überregionalen Unternehmen in Forschungsprojekten zusammen. Im KI-Netzwerk Bremen.AI stehen wir daher für den Technologietransfer von der Wissenschaft in die Industrie und Gesellschaft“, so Prof. Malaka. Neben Forschungskooperationen sei das TZI auch in der Lehre stark engagiert und bilde Fachkräfte aus, auf die Bremer Unternehmen der Digitalwirtschaft setzen.

Institut für Artificial Intelligence IAI

Kontakt zu internationalen Forschungsnetzwerken und viel Know-how im Bereich des Technologietransfers bringt das IAI in das KI-Netzwerk ein. Das Institut ist spezialisiert auf die Erforschung von KI in der Robotik, betreibt Grundlagenforschung im Kontext von Innovation und Technologietransfer. Es kooperiert in zahlreichen Projekten mit nationalen und internationalen Unternehmen und Forschungseinrichtungen, etwa der Universität Tokyo.

„Wenn wir im Netzwerk alle Partner aus Bremen an einen Tisch bringen, können wir wertvolle Synergien nutzen“, erläutert Prof. Dr. Michael Beetz, Institutsleiter am IAI. „Gerade, wenn es darum geht, Forschungsgelder vom Bund oder der EU einzuwerben, brauchen wir ein starkes Konsortium Bremer Firmen.“

Im Sonderforschungsbereich EASE arbeitet das IAI daran, die Zusammenarbeit zwischen Roboter und Mensch auf der Arbeit und zuhause zu verbessern. „KI ist nicht nur ein Thema für große IT-Konzerne“, so Prof. Beetz, „gerade in Bremen wird daran geforscht, wie der einzelne Mensch in seinem täglichen Umfeld durch KI unterstützt werden kann – ohne ihn auszuspähen“.

BIBA Bremer Institut für Produktion und Logistik

Das ingenieurwissenschaftliche Institut ist eine der größten Forschungseinrichtungen in Bremen. In zahlreichen Projekten setzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Künstliche Intelligenz – etwa bei der intelligenten Hafenbeleuchtung „Obelisk“ oder der Vereisungsvorhersage in der Windkraft „PiB“. Auf der Basis ausgeprägter Grundlagenforschung betreibt es anwendungsorientierte Forschung und industrielle Auftragsforschung – national wie international.

Hochschule Bremerhaven

Auch in der Hochschule Bremerhaven forschen Professorinnen und Professoren und wissenschaftliche Fachkräfte an der KI. An der Hochschule arbeitet zum Beispiel Prof. Dr. Nadija Syrjakow in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Maschinelles Lernen, Deep Learning und Big Data.

Jacobs University

An der Jacobs University sind vier Professoren zusammen mit zahlreichen wissenschaftlichen Fachkräften federführend im Bereich der KI tätig. Ein beispielhaftes Projekt ist NAWID, in dem es um KI-gestützte Modelllösungen für personalisierte Assistenz- und Wissensdienste geht. In einem anderen Projekt erforscht Dekan Prof. Dr. Arvid Kappas innovative Bildungsmethoden mithilfe modernster Robotik und künstlicher Intelligenz.

Weitere Informationen zur Digitalisierung und zum Industrie 4.0-Kompetenzverbund gibt es bei Kai Stührenberg, Tel.: 0421 361-32173, kai.stuehrenberg@wah.bremen.de

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