Ein Hallo aus der virtuellen Realität

Echtes und virtuelles verbinden: die Microsoft Hololens macht's möglich, Bild: RADIUSMEDIA

Echtes und virtuelles verbinden: die Microsoft Hololens macht's möglich, Bild: RADIUSMEDIA

von Jann Raveling
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Was ist Virtual Reality?

Bei der Virtual Reality (VR) geht es darum, mittels einer so genannten VR-Brille völlig in eine simulierte Welt abzutauchen. Das Display in der Brille nimmt beinahe das gesamte Sichtfeld ein, somit entsteht das Gefühl, völlig von der 3D-Welt umgeben zu sein. Im Gegensatz zu herkömmlichen 2D-Bildschirmen wirken Tiefen plastisch und Welten somit viel realistischer, als es jemals zuvor möglich war. Dem Gehirn wird ein Streich gespielt – und tatsächlich verarbeitet es simulierte Eindrücke wie echte. Wer Höhenangst hat und virtuell vor einer Klippe steht, dem werden die Knie weich.
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Was ist Augmented Reality?

Augmented Reality (AR) bezeichnet hingegen die Erweiterung unserer Umgebung durch digitale Objekte. Im Gegensatz zur VR sind AR-Brillen nicht geschlossen, sondern transparent. Anwenderinnen und Anwender sehen durch sie die normale Welt, jedoch werden virtuelle Objekt oder digitale Informationen auf das Brillenglas oder per Minidisplay eingeblendet. Ähnlich funktioniert es auch bei AR-Apps für das Smartphone, die über eine Kamera die Welt um uns herum aufnehmen und um digitale Objekte erweitern. Diese können in Echtzeit manipuliert werden, zum Beispiel gedreht, eingepasst oder farblich verändert.
Ich stehe auf einem Stahlgerüst, gute zehn Meter über dem Boden, lehne mich über das Geländer. Tief unter mir zieht ein Gabelstapler seine Bahnen über den Betriebshof. Ein bisschen mulmig wird es mir schon um die Magengegend – seltsam, denn eigentlich befinde ich mich auf festem Boden. Hier im AR/VR-Labspace in der Bremer Überseestadt, mit einer VR-Brille über dem Kopf. Nur mein Gehirn ist davon noch nicht so überzeugt, wähnt sich in großer Höhe.

Die zweite Simulation ist hingegen auch virtuell ebenerdig. Vor mir: ein Messestand. Ich kann mich in alle Richtungen umdrehen, gehe über den Messestand, verschiebe Tische und hebe herumliegende Gegenstände auf. Durch die VR-Brille fühle ich mich wie in einer anderen Welt, mithilfe zweier Controller bewege ich virtuelle Hände – genau dort, wo sich in der Realität meine Hände befinden. Ich finde mich verblüffend einfach zurecht, eine Eingewöhnungszeit ist nicht nötig.

Zeigen, was sich sonst nicht zeigen lässt

Den Labspace hat Radiusmedia in der Bremer Überseestadt eingerichtet. Die Agentur existiert seit 20 Jahren, seit drei Jahren setzt das Team um Geschäftsführer Udo Corleis auf Augmented und Virtual Reality. Wer einmal seine Hände an die Technik legt, weiß auch, warum. „Es geht um Immersion, das Gefühl, mittendrin zu sein“, so Corleis, „wir gestalten, was man in der Realität nicht ohne Weiteres sehen kann oder was es noch nicht gibt.“

So wie die Stahlbaukonstruktion oder den Messestand. Radiusmedia nutzt die Technik, um für Kunden Projekte zu visualisieren. Sie werden dann auf Messen gezeigt oder beim Kundenbesuch vorgestellt. Gerade, wenn es um große Maschinen oder Gebäude geht, ist das praktisch. „Ich muss den Kunden nicht zu einem Referenzprojekt fahren, damit er sich eine Maschine im Detail inspizieren kann. Ich kann sie virtuell realgenau nachbauen und zu ihm ins Büro bringen“, erklärt Corleis.

Virtuelles und Reales verbinden

Marketing und Vertrieb sind nur ein Anwendungsgebiet, in dem die Bremer Agentur ihre state-of-the-art-Technik einsetzt. Um zu erleben, was sie noch alles in petto haben, geht es an die nächste Station im Labspace: Augmented Reality.

Ich setze die Microsoft Hololens auf, eine etwas klobige Datenbrille, die mich wie einen futuristischen Radrennfahrer oder Formel 1-Piloten aussehen lässt. Zusammen mit Corleis, der ebenfalls eine Brille trägt, stellen wir uns an einen runden Tisch. Sekunden später projiziert die Brille ein Schiff auf die Oberfläche, das sich durch hohe See kämpft. Ich sehe beides – den echten Tisch und die Simulation, die darüber liegt. Mit einer Handgeste verändert Corleis die Simulation, die Projektion zoomt in den Schiffsrumpf hinein, zeigt jetzt Maschinen und Abgassysteme. Alles, während ich mich völlig frei um den Tisch herum bewegen kann, mich nach vorne beuge oder in die Hocke gehe.

Die Simulation hat Radiusmedia für den Bremer Maschinenbauer SAACKE erstellt, der damit auf der Messe Kunden seine Systeme vorführte:
Die Technik ist beeindruckend. Egal, wie ich meinen Kopf halte, die Simulation bleibt auf dem Tisch. „Wer zeigen will, dass er in seiner Branche Technologieführer ist, zieht mit so einer Vorführung schnell alle Blicke auf sich“, ist Corleis überzeugt.

Neben Vertrieb und Akquise setzt Radiusmedia auf VR/AR-Technik auch in den Bereichen Service und Wartung sowie Training. Statt in einem Handbuch nachzublättern, wie eine Maschine repariert werden muss, könnte ein Servicetechniker künftig eine Datenbrille aufsetzen, die ihn Schritt für Schritt anleitet. Das spart Zeit, denn die Hände sind frei. Ein anderes Anwendungsfeld: Beim Gebäudebau lässt sich die Architektin, während sie durch den Rohbau geht, per AR-Brille alle Leitungen und Rohre einblenden. Sie sieht so auf den ersten Blick, ob sich die bisherige Bauplanung in Realität umsetzen lässt.

Wie es ist, Neuland zu betreten

„Das wichtigste ist, sich zunächst einen Eindruck von der Technologie zu verschaffen, in einen Showroom zu gehen und sich eine Brille aufzusetzen“, sagt Udo Corleis auf die Frage hin, wie Unternehmen beginnen sollten, sich mit AR und VR zu beschäftigen. „Als nächstes schauen wir dann gemeinsam, welches Geschäftsfeld profitieren könnte und starten ein erstes Testprojekt.“ Dabei muss es nicht immer die komplexe Anwendung mit Videobrille sein: Auch für das Smartphone oder Tablet entwickeln die Bremer AR-Anwendungen, mit denen es möglich ist, virtuelle Objekte in die Realität zu projizieren.

Selbst zum Technologieführer werden

Der frühe Einstieg in die neue Technologie vor drei Jahren war für die Agentur dabei durchaus eine Herausforderung. „Natürlich ist das eine Investition, die sich nicht sofort auszahlt, wir mussten vielfach neue Wege gehen und viel lernen. Für uns ist aber klar: Das ist das nächste große Ding, das Interesse steigt und wir sehen ein großes Wachstum in den kommenden Jahren in dem Bereich“, ist der Geschäftsführer überzeugt.

Wer es einmal ausprobiert, versteht, wovon Corleis spricht. Einzig das Projektionsfeld der Microsoft Hololens ist noch etwas schmal, kaum größer, als eine Visitenkarte direkt vor die Nase gehalten. Aber auch das wird sich in Kürze lösen. Denn die nächste, noch leistungsfähigere Generation an VR- und AR-Brillen wurde vor kurzem vorgestellt. Und wenn es sie dann in Bremen gibt, dann bin ich bestimmt nochmal hier, im Labspace von Radiusmedia.


Radiusmedia ist nicht das einzige Unternehmen, das sich in Bremen mit VR und AR beschäftigt. Welche anderen es gibt und welche Möglichkeiten sie bieten, das finden Sie in unserer Übersicht "VR/AR in Bremen".

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