Zum Menü Zum Inhalt Zur Fußzeile
Leichte Sprache / Deutsche Gebärdensprache

Wie Inklusion beim Fachkräftemangel helfen kann

Menschen mit Behinderung sind wertvolle Arbeitskräfte – aber zu wenige Unternehmen beschäftigen sie. Woran liegt das? Das Bremer Projekt Inklupreneur will Hürden abbauen und hat bereits mehr als 75 neue Stellen angeregt.

Rund drei Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter (Gesamtanteil rund 6,5 Prozent) haben eine Schwerbehinderung. Sie sind überdurchschnittlich gut ausgebildet, aber doppelt so häufig arbeitslos wie der Rest.

Gleichzeitig sind in Bremen nur 4,2 Prozent der Arbeitsplätze (lt. Arbeitnehmerkammer Bremen) mit schwerbehinderten Beschäftigten besetzt – im Bundesvergleich unterdurchschnittlich. Nur einer von fünf Betrieben erfüllt die Beschäftigungspflichtquote von fünf Prozent.

Woran liegt dieses Missverhältnis? Und lässt sich dagegen etwas unternehmen? Fragen, mit denen sich Nils Dreyer beschäftigt. Dem Bremer Mitgründer der Hilfswerft gGmbH, die sich für soziales Unternehmertum engagiert, liegt Inklusion am Herzen. Deshalb hat er mit „Inklupreneur“ ein Projekt gestartet, das Antworten sucht.

Oben: Zum buten un binnen-Beitrag zu Inklupreneur von Radio Bremen

Inklupreneur bringt beide Seiten zusammen

„Viele Arbeitgeber:innen wissen nicht, wie unterschiedlich Behinderungen ausfallen können, wie unterschiedlich sowohl der Einsatzbereich, aber auch die Anforderungen an Barrierefreiheit sind“, sagt Dreyer. Es fehlten einfach Berührungspunkte mit dem Thema.

Darum setzt das Projekt auch genau hier an: bei ersten Berührungspunkten. Statt Appellen oder langen Reden sei es besser, gleich auf Tuchfühlung zu gehen. Das Projekt baut deshalb auf Job-Speeddatings, Mentor:innen, ein Online-Talent-Pool und zahlreiche Workshops mit Unternehmen und Jobsuchenden. Alle Maßnahmen haben das Ziel, Unternehmen und Menschen mit Behinderung unkompliziert zusammenzubringen, ohne dass sich gleich Verpflichtungen ergeben.

Dabei können Unternehmen viele der Fragen klären, die sich ihnen bei Inklusionsthemen stellen, etwa:

  1.       Können wir Menschen mit Behinderungen beschäftigen, wenn wir kein barrierefreies Büro haben?
  2.       Welche Unterstützungen und Förderungen gibt es?
  3.       Warum bewerben sich keine Menschen mit Behinderungen bei uns, obwohl wir dafür offen sind?

„Ängste und Vorurteile bauen sich am besten ab, indem man persönliche Erfahrungen macht, mit Unterstützung durch Fachpersonal. Von der inklusiven Stellenausschreibung, über ein konkretes Bewerbungstraining bis hin zur Vernetzung mit Ansprechpartner:innen zum Thema Förderung und Arbeitsplatzausstattung stehen wir den Unternehmen bei allen Anliegen zur Seite“, so Dreyer.

Unterstützung im Lager gefunden

Diese Herangehensweise habe sich bewährt, erklärt er. „Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, wie es in den Köpfen arbeitet, es aber nicht bei der Erkenntnis und der Theorie bleibt, sondern auch gehandelt wird. Wir sind stolz auf jede neue Absichtserklärung, die unterzeichnet wird, jeden motivierten Mitarbeitenden und natürlich besonders auf jede Stelle, die dann auch tatsächlich mit einem Menschen mit Behinderung besetzt wird.“

Unternehmen, die bei Inklupreneur mitmachen, können eine Stellenzusage („Pledge“) unterzeichnen, mit der sie einerseits sich selbst gegenüber eine Verpflichtung eingehen und andererseits nachweisbare Erfolge für das Projekt erzielen.

Insgesamt 25 Unternehmen haben Stellenzusagen für 75 Stellen im Rahmen des Projekts „Inklupreneur“ abgegeben. Das von der Bremer Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa geförderte Projekt startete Ende 2021 mit ersten Kontaktaufnahmen zu Unternehmen und besonders Start-ups.

Bisher konnten Jobs in den Bereichen Lager und Logistik, Handwerk (Maler), Einzelhandel, IT & eCommerce sowie Office-Management besetzt werden. „Die Berufsbilder sind aber so bunt wie die Menschen, die sich darauf bewerben. In unserer zweiten Kohorte, die im ersten Quartal 2023 startet, werden es wieder ganz andere Anforderungen und Berufe sein“, so Dreyer.

Das Projekt ist in einzelne Gruppenphasen eingeteilt, in denen interessierte Unternehmen zusammenkommen. Vertreterinnen und Vertreter – meistens aus den Personalabteilungen – nehmen gemeinsam an Workshops und Events teil, wie etwa dem „StarterCamp“, das als Kick-off dient.

Offenheit und Kommunikation im Unternehmen wichtig

So entsteht auch unter den Unternehmen ein Austausch, gegenseitige Erfahrungen können weitergegeben werden. Zu den ersten Teilnehmenden gehörte etwa auch der Onlinesupermarkt myEnso. „Als Unternehmen haben wir Erfahrungen in der Inklusion, wir arbeiten etwa schon mit den Werkstätten für Behinderte zusammen. Von daher haben wir uns sehr gefreut, als Inklupreneur auf uns zugekommen ist und konnten uns gut eine Zusammenarbeit vorstellen“, erklärt etwa Maren True, Vorstandsmitglied des Onlinehändlers.

Im Projekt teilt sie auch ihre bisherigen Erfahrungen mit anderen Teilnehmer:innen: „Wichtig ist es, dass man die übrige Belegschaft immer mitnimmt und mit ihnen kommuniziert, sowie jemanden hat, der den Teams zur Seite steht. So kann man Hemmungen abbauen. Natürlich passt es auch nicht immer – aber das ist ja bei jeder Neueinstellung möglich.“

Sozialunternehmen auf Wachstumskurs

Ins Jahr 2023 startet Inklupreneur mit großen Zielen. Neben neuen Kohorten – diesmal auch in Berlin – ist es ein erklärtes Ziel, das Bremer Modellprojekt auf weitere Bundesländer auszudehnen.

„Dem Fachkräftemangel können wir nur begegnen, indem wir alle Ressourcen nutzen. Inklupreneur zeigt, dass niedrigschwellige Angebote eine Brücke zwischen Unternehmen und Menschen mit Behinderung bauen können und so neue Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen“, erklärt der Bremer Staatsrat für Arbeit Kai Stührenberg, der das Projekt eng begleitet hat. „Zudem schafft es die Hilfswerft, mit dem Vorhaben einen wichtigen Schritt für viele junge Sozialunternehmen zu gehen: Die Skalierung von einem Einzelprojekt zu einem Geschäftsmodell, das an mehreren Standorten funktioniert und so einen Mehrwert für die Gesellschaft generiert.“

Das Projekt wird von der Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa, dem Amt für Versorgung und Integration Bremen wie auch dem ESF-Fonds der Europäischen Union kofinanziert und wird um zwei weitere Jahre bis 2025 verlängert.

Mit kleinen Schritten zu einer Bewegung

Ein weiteres neues Projekt 2023 im Rahmen von Inklupreneur ist der EAA, der einheitliche Ansprechpartner für Arbeitgeber. Das ist ein Service, der Unternehmen bei konkreten Fragenstellungen rund um das Thema Inklusion unterstützt.

Nils Dreyer freut sich bereits auf die kommende Zeit: „Wir merken, dass Inklupreneur mehr und mehr zu einer Bewegung wird, die immer größere Unternehmen – auch internationale Konzerne – anzieht. Einige Unternehmen planen ganze inklusive Abteilungen umzusetzen, wir konnten mit NORDSEE ein Bremerhavener Traditionsunternehmen an Bord holen, das gleich 20 Stellen gepledget hat. Das motiviert uns natürlich sehr.“

Lesen Sie auch:

3. Februar 2023

Wie in Bremen Wasserstofftanks für Busse und Lkw entstehen

Immer mehr Busse und Lkw fahren mit Wasserstoff. Die EDAG Group entwickelt und fertigt in Bremen Tanksysteme für Nutzfahrzeuge und will mit der Branche wachsen.
2. Februar 2023

Warum gibt es so wenige Frauen in IT-Jobs?

Trotz Fachkräftemangels sind Frauen in der IT-Branche unterrepräsentiert. Was können effektive Wege sein, ihnen neue Chancen zu eröffnen? Das untersucht das Projekt F.IT Frauen in IT.
2. Februar 2023

Elefsina (Griechenland), Timisoara (Rumänien) und Veszprém (Ungarn) sind die Kulturhauptstädte Europas 2023

Von Rebekka Manske Seit 1985 werden von der Europäischen Union alljährlich die Kulturhauptstädte Europas ernannt. Die Idee stammt von Melina Mercouri, frühere Kulturministerin Griechenlands: