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Wie Die Bremer Stadtreinigung einen genauen Blick auf die eigene Nachhaltigkeit wagt

Nachhaltig leben und arbeiten – ein erstrebenswertes Ziel für uns alle. Aber was heißt überhaupt nachhaltig? Immer wieder hören wir vom „Greenwashing“, von Aktionen und Aktivitäten, die nur den Anschein haben, umweltfreundlich zu sein. Mittlerweile gibt es zahlreiche Standards, die Unternehmen Nachhaltigkeit bescheinigen. Einer der strengsten – oder auch umfassendsten – ist die Gemeinwohlökonomie. Wie die funktioniert, zeigt Die Bremer Stadtreinigung.

Jede Bremerin und jeder Bremer kennt sie: Die weiß-orangenen Kehrmaschinen, die laut heulend durch die Straßen fahren, die weißen Müllwagen, die jede Woche den Hausmüll abholen oder die 15 Recycling-Stationen in den Stadtteilen.

Die Bremer Stadtreinigung (DBS) hält, was sie verspricht: Sie kümmert sich um die Abfallentsorgung und die Stadtsauberkeit in Bremen. Und wer sich täglich mit Abfall beschäftigt, dem liegt das Thema Nachhaltigkeit nahe.

„Aus diesem Grund hat sich auch unser Verwaltungsrat für das Thema einer Nachhaltigkeits-Zertifizierung begeistert. Es war Teil des Bremer Koalitionsvertrags, dass sich ein Kommunalunternehmen der Stadt Bremen in einem Pilotprojekt der Gemeinwohlbilanz unterzieht. Das Thema passt gut zu unseren Aufgaben und daher haben wir gern die Anregung aufgegriffen“, so Nilgün Voß, Vorstandsreferentin Changemanagement/Strategische Unternehmensentwicklung der DBS.

Gemeinwohlbilanz einer der strengsten und umfassendsten Nachhaltigkeitsstandards

Aber warum gerade die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) und kein anderer Standard? Die GWÖ ist ein umfassendes Bewertungssystem, das jeden Aspekt eines Unternehmens auf ökologische, soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit untersucht.

Es wurde erdacht vom österreichischen Politologen Christian Felber und basiert auf der Idee, dass die Wirtschaft dem Menschen dienen soll und nicht der Profitmaximierung. Ziel ist ein neues Wirtschaftssystem, das auf ökologisches Gleichgewicht, eine ethische Marktwirtschaft und das „gute Leben für alle“ setzt.

Um das zu erreichen, können Unternehmen eine sogenannte Gemeinwohlbilanz erstellen, in der sie aufführen, wie sie diesem Ideal näherkommen. Dabei gibt es Hilfestellungen von der GWÖ – die sich in einem Dachverband und Regionalgruppen organisiert.

Eine solche Gemeinwohlbilanz hat Die Bremer Stadtreinigung erstellt und sich im Frühjahr 2022 auditieren lassen. Dabei prüfen externe Auditoren die Gemeinwohlbilanz auf Herz und Nieren. Ein umfangreicher Fragenkatalog dient zudem als Vorbereitung für den Audittermin. „Wir hatten zehn Tage Zeit, um die Fragen der Prüfer zu beantworten und nachzubessern, das war sehr sportlich“, so Voß.

Das ist nicht ungewöhnlich, gerade bei der ersten Bilanz. „Die Prüfer waren sogar sehr angetan von unserem Gemeinwohlbericht und dem großen Engagement der Projektgruppe“, so Voß. Nachbesserungsbedarf sei völlig normal und eine gute Möglichkeit, den eigenen Unternehmensprozessen auf den Zahn zu fühlen.

GWÖ-Bilanzierung ist Teamsache

Gut ein Jahr Zeit hatte sich die DBS für ihre erste Bilanz genommen. Keineswegs ein langer Zeitraum, denn alle Unternehmensteile kamen auf den Prüfstand: So wurden sozial verantwortliches und umweltbewusstes Handeln, gerechte Arbeitsverhältnisse, transparente Prozesse oder Mitentscheidungsmöglichkeiten untersucht. Neben dem eigenen Betrieb auch die der Lieferanten. „Nachhaltigkeit heißt auch, dass man nachhaltig einkauft und bei der Lieferantenauswahl kritisch auf soziale und ökologische Gerechtigkeit schaut. Das ist natürlich ein zeitaufwändiger Prozess“, so Voß.

Über 1.000 Stunden Arbeitszeit stecken in der ersten Gemeinwohlbilanz – auf 80 Seiten. Die gehen aber nicht allein auf das Konto von Changemanagerin Voß. „Wir haben abteilungsübergreifend ein zwölfköpfiges Team gebildet, das Input gab. Über das ganze Jahr haben wir regelmäßig Workshops und Meetings veranstaltet, um die Berichtsfragen zu beantworten und die Qualität der Inhalte zu sichern. Am aufwendigsten war das Verfassen des Gemeinwohlberichts.“

Interne und externe Unterstützung

Was nach dem einfachen Zusammentragen von Daten klingt, ist jedoch viel mehr. Die GWÖ gibt eine ausführliche Hilfestellung zu ihren Kriterien, die anhand von Fragen gestellt werden. Eine ist zum Beispiel „Kann das Unternehmen bestätigen, dass die Menschenwürde in der Zulieferkette bei den wesentlichen Lieferant:innen nicht verletzt wird?“

„Wir mussten gemeinsam herausfinden, wo wir überhaupt stehen. Das hat zu angeregten, aber immer sehr fruchtbaren Diskussionen geführt, die uns als Unternehmen schon während der Bilanz weitergebracht haben“, resümiert sie.

Wichtig war dabei, so Voß, dass das Projekt aktiv vom Vorstand unterstützt worden sei, das habe dazu beigetragen, die Akzeptanz für die Zertifizierung zu steigern.

Unterstützung erhielt Die Bremer Stadtreinigung auch von einem externen Beratungsunternehmen, das den Bilanzierungsprozess mit seiner GWÖ-Expertise begleitete. Das sei nicht zwingend notwendig aber hilfreich laut Voß, denn das Arbeitsbuch GWÖ ermögliche es Organisationen auch ohne Beratung eine Zertifizierung durchzuführen.

Die GWÖ-Bilanz motiviert, weiter an sich zu arbeiten

Und was kam bei der ersten Bilanz jetzt heraus? „In vielen Bereichen sind wir schon gut aufgestellt“; sagt Voß. So biete die DBS eine hohe Flexibilität, was Arbeitszeitmodelle anginge. Angestellte könnten zum Beispiel unkompliziert von Voll- auf Teilzeit wechseln. Auch die Mitarbeitendenfluktuation sei niedrig, was für das Unternehmen spreche.

Aber auch Verbesserungspotenziale seien aufgedeckt worden. „Wir werden uns in Zukunft unter anderem mit einem Mobilitätskonzept und Compliance-Regelungen stärker auseinandersetzen sowie Anspruchsgruppen im Sinne des Gemeinwohls noch mehr in Entwicklungsprozesse miteinbeziehen. Außerdem wollen wir unsere Zertifizierungen nach dem Umweltmanagementsystem EMAS auf das gesamte Unternehmen ausdehnen“, zählt Voß auf. Bereits heute sind mehrere Standorte der DBS nach dem Standard zertifiziert, darunter die Blocklanddeponie. EMAS stellt ein umweltkonformes Management sicher, die Anstrengungen werden in einer Umwelterklärung festgehalten.

Mehrere GWÖ-Projekte in Bremen aktiv

Für eine GWÖ-Zertifizierung ist die Mitgliedschaft im GWÖ-Verein erforderlich. Die DBS ist somit Teil der Bremer GWÖ-Regionalgruppe, in der sich Organisationen regelmäßig austauschen können. Ein weiteres Mitglied ist etwa die Bremerhavener Spedition Brüssel und Maass, die ebenfalls eine GWÖ-Bilanz aufgestellt hat.

In der Seehafenstadt läuft zudem ein zweites, gefördertes GWÖ-Projekt. Das nutzt eine andere Form der GWÖ-Bilanz: das Peer-Group-Verfahren. Dabei unterstützen sich mehrere Unternehmen gegenseitig bei der Erstellung der GWÖ-Bilanz.

Die Zertifizierung der DBS wurde durch die bremische Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa (SWAE) als Pilotprojekt im Rahmen des Pakets „Förderung der Solidarischen Ökonomie, Genossenschaften und Social Entrepreneurship im Land Bremen“ finanziell gefördert. „Wir wollen die gewonnenen Erkenntnisse den privatwirtschaftlichen Betrieben zur Verfügung stellen und so Unternehmen unterstützen, die ihr Handeln mit Hilfe der Gemeinwohlbilanz neu ausrichten möchten“, sagt Anke Jacobj, zuständige Referentin bei SWAE. Dazu seien etwa Veranstaltungen geplant, die erste startet am 21.09. (siehe Seitenleiste).

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