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Wie dieses Unternehmen deutsche Wohnzimmer rockt

Headbangen vor dem Bildschirm, Stagediven auf der Couch: Seit Corona sind Livestreams von Konzerten zum Alltag geworden. Christian Tipke möchte mit seiner Bremer sendefähig GmbH auch in Zukunft E-Gitarren ins Wohnzimmer bringen – und hat noch viel mehr vor.

Streamingprojekte sind eigentlich nichts Neues für Christian Tipke – produziert der 40-Jährige doch mit seiner Film- und Fernsehproduktionsfirma sendefähig GmbH mit Sitz in den Pusdorf Studios in Bremen-Woltmershausen unter anderem für öffentlich-rechtliche Formate Reportagen für YouTube und fürs Fernsehen. Doch als die Corona-Pandemie anfing und keine Veranstaltungen mehr möglich waren, bekamen Streamingprojekte auch für das Bremer Unternehmen plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Doch der Reihe nach.

Junge Menschen bis 29 Jahre im Blick

2016 gründete Tipke zusammen mit Dennis Leiffels die sendefähig GmbH, später kam Kompagnon Manuel Möglich dazu. Von Funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF für 14- bis 29-Jährige, hatten sie den Auftrag bekommen, jede Woche eine neue Reportage für YouTube zu produzieren: schrill und rasant aufgemachte Geschichten – aber mit fundiert journalistischen Inhalten. „Bis heute haben wir das jede Woche hinbekommen“, sagt Christian Tipke. Und das mit wachsendem Erfolg.

Preise für Reportagen

Für die „Y-Kollektiv“-Reportagen regnete es Auszeichnungen: Den Juliane-Bartel-Medienpreis gab es zum Beispiel für die Dokumentation „Frauen im Abseits – Sexismus im Fußball“ oder den Alternativen Medienpreis für „Bundeswehr – Skandal bei Eliteeinheit KSK“. Sendungen im Reportage-Format „Rabiat“ für das ARD-Hauptprogramm waren unter anderem für den Grimme-Preis nominiert. Das Besondere an den Geschichten ist, dass sie aus einer persönlichen Sicht des Reporters oder der Reporterin erzählt werden.

Y-Kollektiv hat 950.000 Abonnenten

Die in Bremen produzierten Reportagen gefallen aber nicht nur Fachleuten, sondern auch der Zielgruppe: Der YouTube-Kanal „Y-Kollektiv“ hat rund 950.000 Abonnentinnen und Abonnenten. Eine Reportage von Dennis Leiffels über ein Rechtsrock-Festival in Sachsen vor zwei Jahren hat inzwischen 4,6 Millionen Aufrufe. „Unser Erfolg zeigt, dass das Vorurteil nicht stimmt, junge Menschen seien unpolitisch und uninteressiert“, sagt Geschäftsführer Christian Tipke. Auf rund 40 feste Mitarbeitende ist das Unternehmen gewachsen, dazu kommt ein Netzwerk aus vielen freien Kreativen. Neben dem Hauptsitz Bremen ist vor vier Jahren ein Standort in Berlin dazugekommen. Sendefähig produziert inzwischen auch für Arte und das ZDF-Hauptprogramm, die erste Staffel von „Rabiat“ war auch bei Netflix abrufbar, vor einem Jahr kam der „Y-Kollektiv“-Podcast dazu.

Neue Ideen und Projekte in der Coronazeit

Für die Bremer sendefähig GmbH hätte es im Frühjahr 2020 nicht besser laufen können – dann kam die Corona-Pandemie. „Auf einem Schlag wurden alle Produktionen abgesagt“, erinnert sich Christian Tipke. „Das war der Punkt, an dem klar wurde: Wenn wir nichts machen, gehen wir über Kopf.“ Zwar stellte sich bald heraus, dass journalistische Formate auch weiterhin gefragt waren. Doch Tipke und seine Kollegen und Kolleginnen machten sich Sorgen um die Kreativszene: „Wir haben uns gefragt: Wie kann man in der Kulturbranche wieder verlässlich planen?“

Konzertreihe „Urlaub in Pusdorf“ als Vorläufer für CLUB 100

So entstand das Konzept für „Urlaub in Pusdorf“: Im Sommer 2020 wurden im Hof der Pusdorf Studios Konzerte, Lesungen und Kleinkunst unter Corona-Bedingungen veranstaltet. Bis zu 70 Besucherinnen und Besucher konnten vor Ort dabei sein, sendefähig streamte die Events live ins Internet, sodass auch Menschen ohne Tickets dabei sein konnten. Gefördert wurde das Projekt mit dem CLOSEUP-Stipendium der nordmedia und der Bremer Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa. In dem seit 2018 angebotenen Förderprogramm bekommen Medienschaffende Unterstützung in einer Gesamthöhe von 80.000 Euro. „Nordmedia hat unser Konzept der hybriden Veranstaltung sofort verstanden, das war ja noch eine neue Idee“, freut sich Christian Tipke.

„Lass‘ uns groß denken“: Es wurde groß und erfolgreich

Nach dem Erfolg im Sommer 2020 überlegte er mit seinen Mitstreitern, wie sie trotz der verschärften Corona-Maßnahmen ab Herbst 2020 Veranstaltungen in Innenräumen abhalten könnten. Mit ins Boot kam der Clubverstärker, ein Verbund aus Musikspielstätten und Festivals aus Bremen und dem Umland. „Wir haben damals gesagt: Lass‘ uns groß denken“, erinnert sich Tipke. „Daraus entstand der CLUB 100 mit am Ende 40 Konzerten.“

Im CLUB 100 traten Pohlmann, Madsen und Selig auf

Nach über neun Monaten, mitten im Lockdown, gingen am 14. Januar 2021 in der Konzerthalle Pier 2 wieder die Lichter an. Autoren, Sänger und Bands wie Wladimir Kaminer, Pohlmann, Selig oder Olli Schulz traten im CLUB 100 auf, zunächst komplett ohne Publikum, später vor einer Handvoll Zuschauerinnen und Zuschauern. Die Konzerte wurden live gestreamt, die Tickets kosteten zehn Euro. „Wir wussten am Anfang überhaupt nicht, ob das rein online funktioniert“, sagt Christian Tipke. „Wir haben es schließlich mit einer Branche zu tun, die sehr analog ausgerichtet ist.“ Einige Künstlerinnen und Künstler hätten sogar Tränen in den Augen gehabt, weil sie endlich wieder auf einer Bühne stehen durften.

Sonder-Applaus-Preis für CLUB 100

Der CLUB 100, gefördert durch die Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa sowie die Wirtschaftsförderung Bremen, erfuhr bundesweit ein riesiges positives Medienecho. „So etwas hat es in keiner anderen Stadt gegeben“, betont Tipke. „Die Verantwortlichen in Bremen haben uns ihr Vertrauen geschenkt, unsere Idee zu verwirklichen. Das war nicht ohne Risiko, aber es hat funktioniert.“ Eine Auszeichnung gab es auch dafür: Kulturstaatsministerin Monika Grütters vergab den Sonder-Applaus-Preis.

Live-Streams von Events in der ganzen Stadt

Nach den 40 CLUB 100-Konzerten ging es gleich weiter. „Wir hatten die Idee, auch außerhalb des Pier 2 Events ins Internet zu streamen“, so Geschäftsleiterin Zarah Philipson. „Wir wollten in mobilen Settings mit verschiedenen Kooperationspartnern Streamingmöglichkeiten ausprobieren.“ Und so wurden im Sommer 2021 während der „Breminale Dezentrale“ – der pandemiegerechten Edition des Kulturfestivals Breminale – Konzerte live gestreamt, ebenso wie Open Air-CLUB-100-Konzerte und Veranstaltungen vom Event „Transformartini“, als die vielbefahrene Martinistraße in der Bremer City zum Erlebnisraum wurde.

Übertragungen ins Internet erlauben andere Perspektiven

Auch beim Projekt „Digital Dialogues“, einer Kooperation von Tanz Bremen und dem Bremer Unternehmen Urbanscreen, war sendefähig mit von der Partie. 30-minütige Tanzfilme wurden dabei nach Einbruch der Nacht an die Fassaden mehrerer Bremer Gebäude projiziert. Zehn Tänzerinnen und Tänzer aus verschiedenen Ländern hatten ihre Choreografien getrennt voneinander aufgenommen. Das Team von sendefähig streamte nicht nur die Projektionen ins Internet, sondern dokumentierte auch, wie die Installationen umgesetzt wurden. „Durch unsere Übertragungen haben die Zuschauerinnen und Zuschauer noch einmal eine andere Perspektive auf die AkteurInnen einnehmen können“, sagt Zarah Philipson.

Streamingprojekte gehen weiter

Wie geht es nun weiter, da Konzerte und Veranstaltungen wieder mit Publikum in Hallen erlaubt sind? „Die Menschen haben in der Pandemie gelernt, dass man auch Spaß haben kann bei digitalen Live-Veranstaltungen“, sagt Tipke. Der Plan sei daher, auch nach der Pandemie Konzerte live zu streamen. Daneben verfolgt Christian Tipke noch ein anderes Streaming-Projekt: „Wir wollen Live-Sendungen produzieren.“ Ihm schweben Talkshows für ein junges, politikinteressiertes Publikum vor. „Wir bleiben innovativ“, verspricht der Geschäftsführer.


Nähere Informationen zum CLOSE-UP-Stipendium auch bei Ole Bast, Referent Innovation, Digitalisierung und neue Themen T +49 (0) 421 361 32177, ole.bast@wae.bremen.de

Autorin: Janet Binder


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