Künstliche Intelligenz im Kleinunternehmen: Geht das?

Autodidakt und KI-Fan - Phillip Bock, Geschäftsführer von INnUp

Bremen WFB Wirtschaftsfšrderung Bremen WFB News 57 06/2019 INNUP# KŸnstliche Intelligenz (KI) Online-Druck mit KI Philip Bock

von Jann Raveling
Künstliche Intelligenz (KI) für kleine Unternehmen – das klingt zunächst unmöglich. Denn schließlich braucht man für KIs doch Programmiererinnen und Programmierer sowie teure IT-Hardware oder zumindest ein hohes Budget? Weit gefehlt, wie das Beispiel des Bremer Unternehmens INnUP beweist.

Künstliche Intelligenzen sind längst in unserem Alltag eingezogen – sichtbar zum Beispiel bei Sprachassistenten oder Bilderkennungssystemen auf dem Handy oder unsichtbar wie bei Transaktionsprüfungen von Bezahldiensten wie Paypal.

Vieler diese Beispiele für KIs stammen jedoch von Konzernen mit zehntausenden Angestellten – weit weg von der Realität vieler kleiner und mittelständischer Unternehmen.

Spezialisierter Dienstleister für Druckerzeugnisse

INnUP beweist, dass es auch anders geht. Das Bremer Unternehmen mit fünf Angestellten ist ein Dienstleister für die Druckindustrie. Es vermittelt Aufträge für Spezialdrucke zwischen Kunden und Druckereien. Das können zum Beispiel ungewöhnliche Formate, besondere Papiere oder ausgefallene Farben sein. Für diese Aufträge gibt es oft nur wenige spezialisierte Druckereien in Deutschland und diese ausfindig zu machen, ist Aufgabe von INnUP. Das spart Auftraggebenden Zeit bei der Suche und Druckereien Arbeit bei der Auftragsabwicklung.

Millionen Parameter beachten

Dafür entsteht bei INnUP viel Arbeit. „Eine Anfrage hat bei uns je nach Komplexität eine Bearbeitungszeit von maximal 24 Stunden“, so Phillip Bock, Geschäftsführer. „Da steckt viel Personalaufwand drin, das Recherchieren von Preisen und geeigneten Partnern – es wäre schön, wenn sich das digitalisieren ließe.“

Alle Preise aller Produkte aller Druckereien in einer großen Excel-Tabelle festzuhalten, sei jedoch ein unmögliches Unterfangen. „Jedes Druckerzeugnis hat viele unterschiedliche Parameter, ob Dicke, Form, Farbe, Oberflächenbeschaffenheit, Eigenschaften. Es gibt Millionen Varianten, die sich zudem ständig ändern, das lässt sich unmöglich abbilden. Niemand kann das alles eintippen“, so Bock.

KI, übernehmen Sie!

Niemand kann es abtippen – klingt nach einem Job für eine KI. Ein ganz typisches Beispiel für den Einsatz einer künstlichen Intelligenz: Es gibt einen riesigen Datensatz, der zu groß ist, um von Menschenhand durchsucht zu werden und dieser wird nun genutzt, um Abläufe effizienter zu gestalten oder neue Geschäftsmodelle zu erschließen.

Als studierter Mathematiker bastelte Bock schon in den 90er Jahren mit großem Interesse an KIs. Mit dem Aufkommen der neuen KI-Welle circa 2015 und erstmals frei zur Verfügung stehenden Tools wie Googles Tensorflow-Entwicklungsumgebung sah Bock die Stunde gekommen, auch für sein Geschäft auf KI zu setzen.
Was ist Tensorflow?

Tensorflow ist ein sogenanntes Framework für Maschinelles Lernen – das heißt ein Grundgerüst, mit dem es möglich ist, künstliche Intelligenzen speziell im Bereich des Maschinellen Lernens zu bauen. Es wurde von Google veröffentlicht und ist frei verfügbar, also Open-Source. Seine Beliebtheit für viele Projekte im Bereich KI erklärt sich aus seiner Offenheit. Es ist mit vielen Schnittstellen und Plattformen kompatibel. KI-Entwicklerinnen und -Entwickler müssen dank des Frameworks also nicht jedes Mal bei Null anfangen, sondern können schneller und einfacher mithilfe von Tensorflow KIs programmieren.

Tensorflow wird bei Projekten eingesetzt, die Maschinelles Lernen erfordern. Diese spezielle Form der künstlichen Intelligenz ist besonders gut darin, große Mengen an Daten zu analysieren und zu verarbeiten. Beispiele sind Bilderkennung oder Sprachverarbeitung. Sie ist die derzeit wichtigste Form der KI und findet immer breitere Anwendung in unserer Gesellschaft.

Seine Idee: Eine künstliche Intelligenz wird mit allen Auftragsanfragen der letzten Jahre gefüttert und lernt daraus selbstständig, zu welchen Anfragen welche Druckprodukte angeboten werden. Künftig kann sie dann eingehende Anfragen analysieren und innerhalb von wenigen Minuten das passende Angebot erstellen – oder zumindest den Spezialisten bei INnUP mögliche Kandidaten und Schätzkosten vorschlagen.

Beispiel für KI in kleinen Unternehmen

„Außerdem möchten wir sie einsetzen, um schon beim ersten Kundenkontakt Kerndaten abzufragen, wie zum Beispiel Papierstärken, Falzungen, Sonderfarben, je nachdem, was wichtig wird für den Auftrag“, so Bock. Aus Stunden für jede Anfrage werden so wenige Minuten.

Bocks Vorstellungen gehen noch weiter. „Am Ende wollen wir eine Art Marktplatz erschaffen, eine Plattform, in der Druckereien ihre Dienstleistungen sehr einfach einstellen können. Unter den kleinen und mittleren, online wenig präsenten Druckereien Deutschlands gibt es eine Fülle an Spezialfertigkeiten, die wir so ans Licht bringen wollen.“

Zeitaufwand nicht zu unterschätzen

Seit drei Jahren entwickelt er an der Plattform, es gibt bereits ein Proof-of-Concept, quasi einen Mini-Prototypen mit ersten Funktionen. „Mein Privatleben ist da zu großen Teilen reingeflossen und rund ein Drittel meiner Arbeitszeit“, gibt er zu. Bücher und Veröffentlichungen lesen, auf dem Laufenden bleiben, Programmieren – Bock hat sich autodidaktisch in die Materie eingearbeitet, ist selbst zum KI-Profi geworden. Mittlerweile hat er einen Auszubildenden eingestellt, der sich ebenfalls schwerpunktmäßig mit der Technologie befasst.

Durchaus ein großes Commitment – aber eines, das nötig ist. „Wir benötigen die KI für unser Kerngeschäft, aus ihr werden sich viele neue Geschäftsmodelle ergeben und unseren Fortbestand sichern“, ist Bock überzeugt.

INnUP als Blaupause?

Können andere Kleinunternehmen diesem Beispiel überhaupt folgen? Nicht jeder Geschäftsführer ist Mathematiker und hat die Kapazität oder das Interesse, sich so tief wie Bock in die Materie einzuarbeiten. Das weiß auch der 50-jährige. „Man muss keine KI selbst programmieren können – aber die Führungsebene sollte zumindest entscheiden können, ob sich ein Einsatz lohnt.“

Dazu gehöre es, zumindest in Ansätzen die Fähigkeiten von KIs zu verstehen sowie die Auswirkung der Technologie auf das eigene Geschäftsmodell. „Was passiert, wenn mein Wettbewerber auf KI setzt? Habe ich dann noch eine Chance?“, sei eine wichtige Frage, so Bock.

Gerade in den Nischenbranchen gäbe es gute Möglichkeiten, selbst KIs zu entwickeln, denn diese Branchen seien oft zu klein und zu spezialisiert, als dass sie interessant für die Platzhirsche von Google, IBM und Co. wären.

Klein anfangen

„Die Schwelle ist auch gar nicht so hoch, wie man im ersten Moment denkt“, ist Bock überzeugt. Wenn es ans Programmieren ginge, brauche man ganz klar Spezialistinnen und Spezialisten. Für den Einstieg jedoch nicht. INnUP ist Mitglied des Vereins BREMEN.AI, eines Netzwerks, das sich der Förderung von KI-Technologien am Standort Bremen verschrieben hat, Bock engagiert sich im Koordinierungsteam. Das sei auch für Interessierte offen. „Man ist hier nicht allein mit seinen Problemen und findet schnell mögliche Partner.“

So hätten wissenschaftliche Institute oft Interesse an der Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen. Und wenn tatsächlich ein mögliches Projekt identifiziert werde, gäbe es noch Förderprogramme, welche bei KI-Projekten helfen, Risiken abzumildern, so zum Beispiel das FEI-Programm der BAB – die Förderbank für Bremen und Bremerhaven.

Kooperationen sind für den Mittelstand das Mittel der Wahl

Wie jedes neue Investment bindet auch ein Einstieg in die künstliche Intelligenz Ressourcen und Zeit. Wenn man diese nicht selbst hat, sind gerade für kleine und mittelständische Unternehmen Kooperationen und Förderprogramme das Mittel der Wahl. Auch INnUP möchte sie nutzen – und plant gerade ein gemeinsames Forschungsprojekt mit dem Bremer Institut für Produktion und Logistik BIBA, um in zwei Jahren die KI zur Marktreife zu bringen.

Denn Bock hat ein klares Ziel vor Augen und eine Vision, die dahinter steht: „Wir wollen zum kompetentesten Druckmakler in Deutschland werden – die KI ist ein Schritt dahin.“

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