Wann ist die Blockchain für Unternehmen sinnvoll?

Leonard Pust, BitMoin

Leonard Pust, BitMoin

von Jann Raveling

Was ist die Blockchain?

1Blockchain
Die Blockchain ist eine verteilte Datenbank, in der jeder Teilnehmende über eine Kopie aller Daten verfügt und diese laufend aktualisiert. Wie der Name verrät, handelt es sich um eine Kette von Blöcken, in denen Transaktionen/Informationen gespeichert werden. Über kryptografischen Verfahren werden die Blöcke aneinander ‚gekettet‘. Manipulationen sind damit nahezu unmöglich, da eine nachträgliche, einseitige Veränderung des Datensatzes sofort auffallen würde.
2Bitcoin
Bitcoin ist eine digitale Währung, die als Speicher- und Verteilmethode die Blockchain verwendet. Alle Transaktionen sind in der Blockchain öffentlich gespeichert, jedoch als Ziffernfolge anonymisiert. Das Netzwerk hat keine zentral steuernde Institution und ist damit unabhängig von Dritten wie Banken, Regierungen oder Unternehmen. Bitcoin hat es erstmals ermöglicht, Werte über das Internet zu versenden ohne dabei einer zentralen Instanz, wie einer Bank, vertrauen zu müssen.
3Smart Contracts
Neben Geld können Blockchains auch virtuelle Güter jeglicher Art verwalten. Spezielle Blockchains sind in der Lage, intelligente Verträge aufzuführen, die etwa eine Transaktion auslösen, wenn ein bestimmtes Ereignis eintritt. Diese Verträge werden Smart Contracts genannt. Sie agieren autonom und schnell und können damit effizienter als von Hand ausgeführte Aufträge funktionieren.

Die Technologie hinter dem Bitcoin in der Wirtschaft einsetzen

Lässt sich die Blockchain in Unternehmen sinnvoll einsetzen? Der Hype um die Technologie ist abgeebbt, seit der Bitcoin-Kurs Anfang 2018 seinen Höchststand verzeichnete. Doch sie wird stetig weiterentwickelt.

Leonard Pust ist eine Art Türöffner. Mit seinem Unternehmen BitMoin klärt er den Norden über die Chancen der noch jungen Technologie auf, möchte Mythen lüften und Vorurteile abbauen. Der 31-jährige Bremer befasst sich bereits seit einigen Jahren mit Bitcoin und der dahinterstehenden Blockchain, hat sich während seines Masterstudiums auf diesen Bereich fokussiert und promoviert derzeit zu sogenannten Initial Coin Offerings, einer Art Börsengang für Blockchainunternehmen. Er berät Unternehmen und Interessierte in Workshops und Vorträgen über die Möglichkeiten rund um Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie.
Leonard, der Bitcoin stand vor einem Jahr bei fast 20.000 Dollar, jetzt hat er Dreiviertel eingebüßt. Ebenso ist die mediale Aufmerksamkeit eingebrochen. Wie nimmst du die Diskussion rund um die Technologie gerade wahr?

Leonard Pust: Hauptfokus vieler Medien ist der Preis. Ende letzten Jahres war Bitcoin kein Geheimtipp mehr, selbst beim Bäcker konnte man darüber reden, es entwickelte sich eine Blase. Die hat es bei Bitcoin aber öfter gegeben. Schon 2014 brach der Kurs um 80 Prozent ein und ging dann knapp drei Jahre in einen ‚Bärenmarkt‘, bevor er Ende 2016 wieder anzog.

Wichtig ist, dass der Preis vom Bitcoin nicht den Wert der Technologie widerspiegelt. Rein technologisch ist der Bitcoin aktuell viel weiter als Ende letzten Jahres. Das war ein Hype und der extreme Preisanstieg sorgte für Aufmerksamkeit. Die Gier vieler Menschen spielte da mit rein - ich hoffe, dass einige Investoren die aufgrund vom „schnellem Geld“ gekommen sind, dennoch bleiben und sehen, welche Vorteile Bitcoin bietet.

Welche sind das?

Pust: Etwa die Unabhängigkeit von Bankensystemen. Das ist nicht unbedingt hochrelevant in Deutschland, aber in anderen Ländern sind Kryptowährungen ein Plan B. Etwa Venezuela, wo der Bolivar eine Hyperinflation durchmacht und Kryptogeld eine stabilere Alternative bietet. Wenn Regierung und Zentralbanken unter einem Dach agieren und unbegrenzt Geld drucken können, sind am Ende die Bürger die Leidtragenden. Im Gegensatz dazu ist die Anzahl der Bitcoins limitiert.

In den Medien geistern oft die Begriffe Bitcoin und Blockchain – was ist was?

Pust: Blockchain ist die zugrunde liegende Technologie hinter Bitcoin. Die Technologie kann für vielfältige Zwecke genutzt werden, die nicht auf Geld- oder Bezahlprozesse beschränkt sind. Unternehmen aus dem Bankensektor, der Versicherungswirtschaft oder dem Energiesektor experimentieren gerade mit ihr. Sie versprechen sich davon Effizienzvorteile und Kostenersparnisse.

Mit dem Bitcoin hat auch die Blockchain einen Hype durchlebt. Aber sie ist keine ‚Allheilstechnologie‘. Ich vergleiche das gerne mit einer scharfen Soße. Eine scharfe Soße ist optimal, um Chili con Carne oder Curry besser zu machen, aktuell wird sie aber auch über Pudding und Schokokuchen gegossen. Firmen mit „Blockchain“ im Namen wurden vielfach überbewertet, vergleichbar mit der Überbewertung von Internet Firmen während der DotCom-Blase.

Die Blockchain ist mehr als digitales Geld – wie können Unternehmen von der Technologie profitieren?

Pust: Die Blockchain ist eine verteilte Datenbank. Sie ist nicht an einem Punkt, in einem Rechenzentrum gespeichert. Jeder Nutzer hat die komplette Version der Datenbank auf seiner Festplatte, die laufend aktualisiert wird. Dank der Verteilung und durch weitere kryptografische Verfahren wird sichergestellt, dass die Daten nicht manipulierbar sind. Denn wenn jeder Teilnehmende eine vollständige Kopie aller Daten hat, fällt eine einseitige Manipulation sofort auf, da sich ein Datensatz von allen anderen unterscheidet. Sie werden fälschungssicher.

Hinzu kommt die allgemeine Verfügbarkeit und Integrität der Daten: Jeder kann jederzeit auf alle Daten zugreifen, sie können nicht durch den einseitigen Ausfall einer Festplatte oder eines Rechenzentrums verloren gehen. Unternehmen versprechen sich dadurch effizientere Prozesse.

Aber Blockchain ist nicht gleich Blockchain…

Pust: Es gibt verschiedene Formen, sprich - es gibt offene und geschlossene Blockchains. Offene Blockchains, wie Bitcoin, haben keine geografischen Grenzen, sind offen, nicht zensierbar und die Nutzer haben die Kontrolle über die Informationen sowie Transaktionen. Bei der privaten Blockchain hingegen sind die Daten nicht öffentlich verfügbar und es gibt meistens eine zentrale Instanz oder eine beschränkte Anzahl von Teilnehmern. Daher kann man offene Blockhains gut mit dem Internet vergleichen, während geschlossene eher einem Intranet ähneln.

Inwiefern hat eine Blockhain Vorteile gegenüber einer einfachen Datenbank, wenn ich als Unternehmen die Hoheit über Daten behalten möchte, also eine geschlossene Lösung präferiere?

Pust: Vorab: Zentrale Systeme sind immer schneller als dezentrale. Aber die Datendezentralität bietet andere Vorteile wie Ausfallsicherheit, Datenintegrität, Fälschungssicherheit und Nachverfolgbarkeit der Daten. Somit kann Vertrauen zwischen Firmen ohne einen Mittelsmann geschaffen werden, da jede Partei unveränderbare Daten nutzt. Ob eine Blockhain wirklich Vorteile bietet, muss im Einzelfall entschieden werden. Dazu gibt es anschauliche Entscheidungsbäume.
Gibt es ein paar Beispiele für erfolgreichen Einsatz?

Pust: Banken testen zurzeit, ob mittels Blockhain Clearing-Häuser überflüssig werden. Das sind Institutionen, die den Handel zwischen Banken abwickeln. Sie agieren in der sicheren und korrekten Übertragung von Geldsummen oder Wertpapieren. Über eine Blockchain könnte diese Aufgabe autonom abgewickelt werden.

IBM setzt die Blockchain zusammen mit der Reederei Maersk in der Logistik ein. Ziel ist es, den papierlosen Containertransport zu ermöglichen. Statt auf Frachtpapieren sollen Auftragsdaten, Routen, aber auch Zustandsdaten wie Temperatur oder Position auf der Blockchain gespeichert werden. Alle Akteure können jederzeit auf alle Daten zugreifen, der Reeder, der Hafenbetreiber, der Auftraggeber oder der Containerfahrer, und das fälschungssicher.

Ein persönliches Beispiel: Ich promoviere gerade an der Uni Bremen, habe aber 2017 meinen Masterabschluss in England gemacht, folglich: Ein britisches Masterzeugnis. Um meinen Abschluss hier in Deutschland anerkennen zu lassen, musste ich das Dokument hier zertifizieren und beglaubigen lassen, was mich mehr als 100 Euro gekostet hat. Zertifikate können in Zukunft über eine Blockchain verifiziert werden, hierzu gibt es bereits erste Usecases, auch aus Deutschland wie die Frankfurt School of Economics and Finance zeigt.

Was sind die ersten Schritte für Unternehmen, die sich jetzt für die Technologie interessieren?

Pust: Das Wichtigste ist erst einmal die Grundzüge zu verstehen und zu wissen, was eine Blockchain leisten kann und was nicht. Sonst haben wir wieder das Chilisoße-auf-Pudding-Problem. Für kleine Unternehmen machen eigene Blockchains wenig Sinn. Man kann sich aber natürlich bestehende Blockchains zu Nutze machen und in sein Unternehmen integrieren, etwa Ethereum, über das automatisierte Verträge (Smart Contracts) organisiert werden können.

Es könnte auch sein, dass kleine Unternehmen durch andere gezwungen werden, die Blockchain zu nutzen. So setzt Wal-Mart auf die Blockchain, um Warenlieferungen zu verfolgen. Da sind Lieferanten gezwungen mitzumachen. Ein kleiner Überblick kann daher nicht schaden.

Ein weiteres Beispiel: AXA bietet eine Versicherung von Flugverspätungen an. Der Smart Contract sucht in einer Datenbank Flugverspätungen automatisch und löst eigenständig Zahlungen aus – es braucht niemanden, der die Zahlungen vornimmt und autorisiert. Das spart Zeit und Ressourcen.

Gibt es in Bremen Unternehmen, die sich mit der Blockchain befassen?

Pust: In einem Vortrag im kraftwerk city accelerator habe ich neulich für swb-Angestellte über das Thema Blockchain in der Energiewirtschaft geredet. Durch die Blockchain-Technologie könnten zum Beispiel eines Tages Energielieferverträge zwischen Personen geschlossen werden, ohne dass der Energieversorger großartig agieren muss. Andererseits bieten Smart Contracts aber auch Chancen für Energiekonzerne in der Verwaltung von Stromerzeugern. Es gibt also Chancen und Risiken. Es freut mich, das hiesige Unternehmen solchen Themen offen gegenüberstehen.

Auch die Hochschule Bremen zeigt großes Interesse an dem Thema und so kann ich nächstes Semester ein komplettes Modul zum Thema Kryptowährungen anbieten. Studierende schreiben ihre Abschlussarbeiten, Professoren der Hochschule und der Uni forschen in diesen Bereichen, Unternehmen beteiligen sich an Workshops. Kurzum; Bremer sind offen und interessiert an Bitcoin und der Blockchain Technologie und das freut mich natürlich.

Leonard, vielen Dank für das Gespräch!

Über Leonard Pust
Der 31-jährige Bremer hat nach seinem Sportmanagement Studium mehrere Jahre im Sportmarketing gearbeitet, bevor er durch einen Freund auf das Thema Bitcoin aufmerksam wurde. Er gab seinen Job auf, um in einem Masterstudium in Newscastle intensiv im Bereich Bitcoin und Blockchain-Technologie zu forschen. Derzeit promoviert er zum Thema Initial Coin Offerings an der Uni Bremen und lehrt als Dozent der Hochschule Bremen. Mit seinem Beratungsunternehmen BitMoin ist er zum Kommunikator für Kryptowährungen und der Blockchain-Technologie geworden, berät Unternehmen in Vorträgen und Seminaren.

Weitere Informationen zur Digitalisierung und zum Industrie 4.0-Kompetenzverbund gibt es bei Kai Stührenberg, Tel.: 0421 361-32173, kai.stuehrenberg@wah.bremen.de

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