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Wie ein Bremer Kollektiv mehr Diversität in die Filmbranche bringen will – vor und hinter die Kamera

Vier Frauen stehen Seite an Seite auf einer Straße in der Stadt. Sie sind in Winterkleidung gekleidet, wobei zwei Frauen gelbe Röcke und die anderen dunkle Hosen tragen. Sie haben alle lange Haare und schauen leicht lächelnd in die Kamera.

Der Regisseur kennt seinen Kameramann und der seinen Tontechniker – so sieht es häufig in der Filmbranche aus. Netzwerke seien in der Kreativbranche entscheidend und allzu häufig patriachal geprägt. Dabei gingen einzigartige Perspektiven verloren, so das Bremer Filmkollektiv FeFFi.

FeFFi steht für Feministisches FLINTA* Filmkollektiv und ist ein gemeinnütziger Bremer Verein, der genau das ändern will. Das Ziel: FLINTA* Perspektiven im Film stärken, also die von Frauen, Lesben, intergeschlechtlichen, nicht-binären, trans und agender Personen.

Mit Workshops, Filmprojekten, Vernetzung und Austauschformaten schafft FeFFi Räume für Menschen, die in der Filmbranche noch immer zu oft übersehen oder ausgeschlossen werden. Für dieses Engagement wurde das Kollektiv mit dem Medienkompetenzpreis der Bremischen Landesmedienanstalt ausgezeichnet. Im Gespräch mit Staatsrat Kai Stührenberg sprechen vier Mitglieder des Kollektivs über die Frage, wie Veränderung in einer weiterhin stark cis-männlich geprägten Branche gelingen kann.

Kai Stührenberg: Sie haben den Medienkompetenzpreis gewonnen. Was bedeutet diese Auszeichnung für FeFFi?

Jacqueline Peters: Für uns war das vor allem ein Moment großer Sichtbarkeit. Wir existieren als Kollektiv noch gar nicht so lange, und plötzlich wurde unsere Arbeit auch außerhalb der eigenen Szene wahrgenommen. Das hat uns sehr gefreut und auch bestärkt.

Lisa Spetzler: Ich würde sagen: Der Preis ist auch eine Form von Anerkennung. Vieles, was wir machen passiert zusätzlich, mit sehr viel Energie und oft ohne echte Bezahlung. Dass diese Arbeit öffentlich wertgeschätzt wird, war deshalb besonders wichtig.

Kai Stührenberg: Was ist das Kernziel von FeFFi?

Lisa Spetzler: Wir wollen FLINTA*-Perspektiven im Film sichtbarer machen. Und zwar nicht nur als Thema auf der Leinwand, sondern ganz konkret auch in den Teams, an den Geräten, in der Produktion und in den Entscheidungspositionen. Dahinter steht die Erfahrung, dass viele Darstellungen und viele Produktionsrealitäten noch immer sehr einseitig – sprich cis-männlich - sind. Wir wollen daran etwas ändern – mit praktischen Angeboten, mit Austausch und mit Räumen, in denen Menschen sich ausprobieren können.

Kai Stührenberg: Ist die Filmbranche aus Ihrer Sicht noch immer stark patriarchalisch geprägt?

Marieluis Röschlein: Ja, sehr deutlich. Gerade in technischen oder leitenden Funktionen sieht man oft, dass cis-Männer weiterhin dominieren. Das betrifft nicht nur einzelne Produktionen, sondern ist tief in der Branche und ihren Gewohnheiten verankert.

Janna Weseloh: Besonders deutlich wird das dort, wo Macht, Verantwortung und Sichtbarkeit zusammenkommen. Auf dem Papier wirkt manches schon offener, aber in der Praxis entscheiden häufig noch immer dieselben Netzwerke darüber, wer welche Chancen bekommt.

Kai Stührenberg: Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Lisa Spetzler: Ein zentraler Punkt sind eben diese Netzwerke. Wenn eine Branche stark über persönliche Kontakte funktioniert und diese Kontakte historisch patriarchal bzw. cis-männlich geprägt sind, dann reproduziert sich das immer weiter. Man kommt schwer hinein, wenn man nicht schon Teil davon ist.

Janna Weseloh: Hinzu kommen Arbeitsbedingungen, die wenig familienfreundlich sind und oft enorme Flexibilität verlangen. Schwangerschaft, Care-Arbeit oder einfach andere Lebensrealitäten werden dann schnell als Hindernis gelesen – und nicht als etwas, das Strukturen mitdenken müssten.

Kai Stührenberg: Das heißt: Es geht nicht nur um Rollenbilder auf der Leinwand, sondern auch um Ausschlüsse hinter den Kulissen?

Marieluis Röschlein: Genau. Es geht nicht nur darum, wie Figuren erzählt werden, sondern auch darum, wer überhaupt erzählen darf. Viele erleben Gatekeeping ganz konkret: Man kennt die falschen Leute, bekommt keine Empfehlung oder muss sich stärker beweisen als andere. Das beginnt oft schon sehr früh. Wenn technische Kompetenz automatisch mit Männlichkeit verbunden wird, prägt das Ausbildung, Set-Erfahrung und Selbstvertrauen. Dann entsteht schnell das Gefühl, dass bestimmte Plätze gar nicht wirklich für einen vorgesehen sind.

Kai Stührenberg: Wo müsste man strukturell besonders ansetzen?

Janna Weseloh: Ein wichtiger Punkt ist die Frage, wie Fördermittel vergeben werden. Also: Wer entscheidet, nach welchen Kriterien, wie transparent sind die Verfahren? Da zeigt sich sehr schnell, ob eine Branche offen ist oder ob sie vor allem sich selbst bestätigt.

Lisa Spetzler: Mir scheint außerdem wichtig, dass es nicht reicht, einfach nur mehr FLINTA-Personen* in bestehende Strukturen zu setzen. Wenn Hierarchien, Machtverhältnisse und patriarchale Logiken unangetastet bleiben, dann wird das System dadurch noch nicht automatisch gerechter.

Kai Stührenberg: Entsteht denn unter FLINTA*-Personen in solchen Feldern automatisch Solidarität?

Janna Weseloh: Automatisch sicher nicht. Wenn Räume lange knapp waren, entsteht leicht das Gefühl, den eigenen Platz verteidigen zu müssen. Dann kann Konkurrenz stärker werden als Verbundenheit. Genau deshalb sind solidarische Gegenräume so wichtig. Aber ich habe den Eindruck, dass sich da gerade etwas verändert. Viel deutlicher als früher wird heute ausgesprochen, dass dieses „Es kann nur eine geben“ ein Trugschluss ist. Gerade Netzwerke und Kollektive können helfen, dieses Denken aufzubrechen.

Kai Stührenberg: Sie sind ein solches Kollektiv. Was bietet FeFFi jetzt ganz konkret an?

Jacqueline Peters: Wir haben in relativ kurzer Zeit schon sehr unterschiedliche Formate aufgebaut. Dazu gehören Workshops zu technischen Filmberufen, gemeinsames Ausprobieren am Set, niedrigschwellige Einstiege und Formate, in denen Fragen ausdrücklich willkommen sind.

Lisa Spetzler: Wichtig ist uns dabei, dass niemand schon „fertig“ sein muss. Wir wollen keine exklusiven Angebote nur für bereits ausgebildete Fachkräfte machen, sondern Räume schaffen, in denen Menschen praktische Erfahrungen sammeln und Selbstvertrauen entwickeln können.

Kai Stührenberg: Hat diese Arbeit bereits konkrete Folgen? Entstehen daraus neue Projekte oder Zugänge?

Marieluis Röschlein : Ja, auf jeden Fall. Immer wieder sehen wir, dass Menschen über einen Workshop oder ein erstes Projekt zu weiteren Filmvorhaben kommen. Oft entstehen daraus direkte Anfragen, neue Teams oder sogar dauerhafte Mitarbeit im Kollektiv.

Janna Weseloh: Der Netzwerkaspekt ist dabei fast genauso wichtig wie die Vermittlung von Wissen. Wenn Menschen wissen, an wen sie sich wenden können und dass Unterstützung da ist, wird aus einer Idee viel eher ein echtes Projekt. Das verändert sehr viel.

Kai Stührenberg: Sie sprechen viel über Technik. Warum ist gerade dieser Bereich so zentral?

Lisa Spetzler: Weil sich dort viele Zuschreibungen besonders hartnäckig halten. Technik gilt noch immer schnell als cis-männlich. Das wirkt nicht nur nach außen, sondern sitzt oft auch tief in den Köpfen derjenigen, die diese Bereiche eigentlich längst selbstverständlich besetzen könnten. Sichtbarkeit macht da einen enormen Unterschied. Wenn man eine Kamerafrau vor sich sieht, mit ihr arbeitet oder von ihr lernt, verschiebt das etwas. Plötzlich wird konkret vorstellbar, was vorher vielleicht nur abstrakt möglich schien.

Kai Stührenberg: Eine ganze Branche aufzurütteln ist viel Arbeit. Wie ist FeFFi organisatorisch überhaupt aufgestellt?

Marieluis Röschlein : Im Kern sind wir fünf, die das Kollektiv von Anfang an maßgeblich getragen haben. Inzwischen sind aber viele weitere Menschen dazugekommen, die in unterschiedlichen Arbeitsgruppen mitwirken und eigene Schwerpunkte setzen. Gerade diese Offenheit ist für uns wichtig. Es gibt Menschen, die regelmäßig mitarbeiten, andere stoßen projektbezogen dazu, wieder andere kommen vor allem zum Austausch. Dadurch ist FeFFi gewachsen, ohne sich zu stark abzuschotten.

Kai Stührenberg: Wie groß ist dieses Netzwerk inzwischen?

Jacqueline Peters: In den aktiven Projektgruppen sind wir inzwischen deutlich über zwanzig Personen. Dazu kommt ein erweitertes Umfeld aus Menschen, die sich verbunden fühlen, Informationen teilen oder punktuell unterstützen. Es gibt aber auch den Wunsch nach klareren Strukturen. Das ist insbesondere wichtig für die Rechtsform, da FeFFi seit April 2026 nun auch ein eingetragener Verein ist

Kai Stührenberg: Würden Sie das, was Sie machen, als Weiterbildung, Ausbildung und/oder Medienpädagogik bezeichnen? Und wie groß ist das Interesse dafür?

Jacqueline Peters: Medienpädagogik trifft es in Teilen gut, aber nicht vollständig. Wir vermitteln Wissen, ja, aber wir bauen zugleich Beziehungen, Netzwerke und Erfahrungsräume auf. Es geht also nicht nur um Lernen, sondern auch um Teilhabe und Ermächtigung. Genau deshalb würden wir FeFFi nie nur als Kursanbieter verstehen. Unsere Arbeit verbindet Praxis, Austausch, politische Perspektive und gegenseitige Unterstützung. Gerade diese Mischung macht den Unterschied.

Marieluis Röschlein: Schon bei frühen Projekten waren die Plätze schnell vergeben, oft mit Warteliste. Das zeigt uns, dass es einen echten Bedarf gibt. Viele Menschen suchen genau nach solchen Räumen, in denen sie ohne Abwertung anfangen können.

Kai Stührenberg: Was wünschen Sie sich für die Zukunft von FeFFi und für die Branche?

Janna Weseloh: Ich wünsche mir, dass unsere Arbeit langfristig stabiler wird – mit mehr Ressourcen und weniger unbezahlte Arbeit. Und für die Branche wünsche ich mir, dass Vielfalt nicht mehr als Zusatzaufgabe betrachtet wird, sondern als selbstverständlicher Maßstab.

Marieluis Röschlein: Für FeFFi wäre es großartig, noch stärker über Bremen hinaus zu wirken und uns weiter zu vernetzen. Denn Veränderung braucht lokale Räume, aber auch größere Bündnisse. Gerade dort sitzen oft die Personen, die Türen tatsächlich öffnen können.

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