
Teilen statt besitzen: Weniger Autos auf den Straßen mit Cambio, Bild: Cambio
Sie bringen benachteiligte Menschen in Arbeit, unterstützen Haftentlassene beim Weg zurück in den Alltag oder ersetzen durch Carsharing private Pkw: Mit ihren Visionen und Ideen wirken Bremer Sozialunternehmen auf vielen gesellschaftlichen Ebenen. Doch welche Beiträge leisten sie konkret? Und wie entlasten sie die öffentlichen Kassen?
Im Fokus der Arbeit von Sozialunternehmen stehen gesellschaftliche, soziale oder ökologische Fragestellungen: Wie kann man die Welt ein Stück besser machen? Wirkung statt Profitmaximierung lautet das Credo.
Einige Bremer Beispiele zeigen, wie groß der volkswirtschaftliche Nutzen ihrer Arbeit ist und an welchen Stellen sie durch ihr Engagement der öffentlichen Hand Kosten sparen.
Bremer Sozialunternehmen reduzieren Arbeitslosigkeit – das Programm „Joblinge“
bis zum Return on Invest des Programms „Joblinge“
Steuereinnahmen nach 10 Jahren gegenüber Langzeitarbeitslosigkeit
Im Mittelpunkt vieler Bremer Sozialunternehmen steht das Thema Beschäftigung und Integration. Mit ihren Projekten und Initiativen schaffen sie Arbeitsplätze für Menschen außerhalb des regulären Arbeitsmarktes, dazu gehören beispielsweise Langzeitarbeitslose, Menschen mit Behinderung, aber auch Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen. So setzte sich in Bremen die Münchener Organisation Joblinge seit 2018 für benachteiligte Jugendliche ein und vermittelte sie in den Arbeitsmarkt. Unterstützung bot sie in Form von Bewerbungstrainings, Präsentationsworkshops oder Zeitmanagementseminaren, über die die Jugendlichen sich einen Praktikumsplatz erarbeiteten. Eine Hochrechnung der Organisation hat die Kosten des Jobling-Programms mit den gesamtvolkswirtschaftlichen Kosten einer Arbeitslosigkeit verglichen. Bereits nach 17 Monaten sind die Kosten laut Organisation identisch. Nach rund drei Jahren hat sich die Investition in das Programm amortisiert.

Die Programmteilnehmenden von Joblinge engagieren sich auch in gemeinnützigen Projekten, Bild: Joblinge
Inklusion lohnt sich – „Inklupreneur“ bekämpft den Fachkräftemangel
Menschen mit Behinderung eingestellt
mehr Bewerbungen bei Unternehmen
Einen Weg in den Arbeitsmarkt will auch die Bremer Hilfswerft ebnen, über Inklusion. Ihr Projekt „Inklupreneur“, das als Berliner Modellvorhaben gestartet ist, soll Unternehmen in der Hansestadt dazu ermutigen, Inklusionskonzepte zu entwickeln und im eigenen Betrieb umzusetzen. „Unser Ziel ist, Inklusion in der Arbeitswelt zu verankern, indem wir mehr Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen schaffen“, erläutert Fabian Oestreicher. Durch Wissensvermittlung möchte die Hilfswerft die Unternehmen für Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderung sensibilisieren. Die teilnehmenden Betriebe verpflichten sich, Stellen für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Mittlerweile ist aus dem Projekt sogar eine eigene GmbH entstanden, die in mehreren Bundesländern ihre Beratung anbietet. Mit Erfolg: Seit dem Projektstart 2022 in Bremen konnten bis 2024 insgesamt 43 Menschen mit Behinderung eingestellt werden. Bei mehr als 70 Prozent der Unternehmen hat sich die Anzahl der Bewerbungen von Menschen mit Behinderung seit dem Projektstart erhöht.

Leuchtenentwicklung bei LightPartner mittels CAD-Tools (Foto: LightPartner)
Neue Perspektiven für Geflüchtete, Langzeitarbeitslose und Menschen mit Behinderung
Ein weiteres Beispiel aus Bremen ist die WaBeQ GmbH, die durch Qualifizierung, Ausbildung und verschiedene Beschäftigungsprojekte Arbeitslose, Alleinerziehende und Menschen mit Migrationshintergrund bei der Integration in den Arbeitsmarkt unterstützt.
Wie man den Herausforderungen sozialer Teilhabe und ökologischen Fragestellungen gemeinschaftlich begegnen kann, zeigt auch das Beispiel von ÖkoNet. Der Bremer Beschäftigungsträger bietet langzeitarbeitslosen Menschen eine neue Perspektive und schafft dabei einen konkreten Mehrwert für die Stadt. Die Initiatoren setzen dabei auf einen engen Bezug zum Umwelt- und Klimaschutz: Im Betrieb „Arbeit & Ökologie“ unterhalten sie ein ökologisches Lehrgelände, in dem Grünflächen umweltgerecht gepflegt und naturnahe Spielplätze gestaltet werden. Im Betrieb „Gärtnerei Rhizom“ betreiben sie einen Lehrgarten, in dem Gemüse nach Biolandkriterien produziert wird. Alte Elektrogeräte werden durch die Zerlegung von Hand im „Wertstoff Recycling West“ umweltgerecht verwertet und eine sorgfältige Schadstoffentfrachtung durchgeführt.
Mit ihrer Arbeit in den Bereichen Beschäftigung, Arbeit und Integration fördern Sozialunternehmen nicht nur die soziale Teilhabe von Menschen mit Behinderung, Langzeitarbeitslosen oder Menschen mit Migrationshintergrund, sie reduzieren mit ihrem Tun auch die Abhängigkeit von Sozialleistungen – und verringern damit die Sozialausgaben des Staats.
Entlastung des Sozialstaats durch gemeinnützige Arbeit – der Verein Hoppenbank
weniger Hafttage (2025)
Haftkosten gespart (2025)
Indem Sozialunternehmen Probleme wie soziale und berufliche Wiedereingliederung angehen, unterstützen sie staatliche Systeme und senken sogar öffentliche Ausgaben, wie dieses Bremer Beispiel zeigt: Der Verein Hoppenbank unterstützt Haftentlassene in der Hansestadt und begleitet sie auf dem Weg zurück ins Leben. „Wir wollen, dass unsere Klientinnen und Klienten in Kontakt mit der Bevölkerung kommen, um gegenseitige Hürden abzubauen. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit Arbeitgeber:innen. Wir haben viele positive Erfahrungen gemacht. Als Verein begleiten wir diesen Prozess und lassen niemanden allein“, sagt Geschäftsführerin Svenja Böning, die mit ihrem Team jedes Jahr mehr als 2.500 Klientinnen und Klienten betreut.
Ihr Projekt „Haftvermeidung Ersatzfreiheitsstrafen“ setzt auf Alternativen zur Haft durch gemeinnützige Arbeit. Davon profitieren auf gesellschaftlicher Ebene einerseits gemeinnützige Träger, kirchliche Einrichtungen sowie Bildungsinstitutionen. „Gleichzeitig wird durch die sinnstiftende Einbindung der Klient: innen einer weiteren Stigmatisierung entgegengewirkt“, sagt Böning. Das lässt sich auch in Zahlen messen: Durch das Projekt, das über die Senatorin für Justiz und Verfassung aus Zuwendungen finanziert wird, konnten 2025 insgesamt 9.305 Hafttage eingespart werden. Auf Basis der durchschnittlichen Tageskosten eines Haftplatzes in Höhe von 195,66 Euro ergibt sich daraus eine reale Haftkostenersparnis von rund 1,82 Millionen Euro – das entspricht rund 25 Haftplätzen. Böning: „Gemeinnützige Arbeit als Alternative zur Haft ist einer der seltenen Bereiche sozialer Arbeit, in dem man die Wirkung unmittelbar sieht: Jeder Hafttag, der nicht antritt, bedeutet weniger Belastung für das Justizsystem – und gleichzeitig mehr Chancen für die Betroffenen, wieder Teil der Gemeinschaft zu werden.“

Svenja Böning, Geschäftsführerin des Vereins Hoppenbank, Bild: Hoppenbank
Carsharing führt zu Einsparungen für Städte und Kommunen
durch 1 Carsharing-Fahrzeug ersetzt
weniger Pkw auf Bremens Straßen
Ein weiteres Beispiel mit hoher Wirksamkeit ist Carsharing, das in zahlreichen Bereichen dazu beiträgt, gesamtgesellschaftliche Kosten zu senken. „Der Haupteffekt von Carsharing ist, dass ein Carsharing-Fahrzeug im Schnitt 18,8 private Autos ersetzt“, sagt Lasse Schulz, Geschäftsführer von Cambio Bremen. Das heißt, dass durch das jetzige Angebot mehr als 11.000 weniger private Pkw auf den Straßen Bremens parken. Mehr als zwei Drittel der Carsharing-Haushalte sind inzwischen „Pkw-frei“. „Zudem werden nicht nur Autos abgeschafft, sondern Menschen, die Carsharing nutzen, fahren auch insgesamt weniger Auto – sie nutzen häufiger Bahn, Fahrrad oder gehen zu Fuß.“ Dieser grundlegende Wandel im Mobilitätsverhalten zieht aus Sicht von Lasse Schulz eine Reihe von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorteilen nach sich: „Weniger private Autos bedeuten weniger Parkraum – das schafft Platz für Menschen, Grünflächen, Spiel- und Aufenthaltsflächen und unterstützt eine klimafreundliche Stadtgestaltung.“ Kommunen, die kein Carsharing ermöglichen, müssten Parkraum alternativ durch Quartiersgaragen unterhalten. Auch könnten so Folgekosten durch Bodenversiegelung vermieden werden. „Weniger Fahrleistung und emissionsarme Fahrzeuge senken außerdem CO2-Emissionen, Feinstaub und andere Luftschadstoffe. Das spart gesellschaftliche Kosten für Klimaanpassung, zum Beispiel durch weniger Hitzeschäden oder Gesundheitsprobleme im Zuge des Klimawandels“, erläutert der Cambio Bremen-Geschäftsführer. Geringerer Kfz-Verkehr reduziere darüber hinaus den Bedarf für teure Investitionen und die laufende Unterhaltung von Straßen, Parkplätzen oder Brücken. Lasse Schulz: „All diese Felder stellen externe Kosten dar, die beim individuellen Autofahren entstehen und durch Carsharing deutlich gemindert werden.“
Die Bremer Beispiele zeigen, dass Sozialunternehmen auf vielfältigen Ebenen wirken. Sie schaffen Arbeitsplätze für benachteiligte Gruppen, entwickeln innovative Lösungen für mehr Integration oder Nachhaltigkeit und ergänzen mit ihrem Tun staatliche Angebote, die mal direkt, mal indirekt Kosten einsparen. „Sozialunternehmen packen Probleme in unserer Stadt an, ob es soziale Ungerechtigkeit ist oder ökologische Fragen, und finden dafür kreative Lösungen. Sie bringen neue Ideen, Produkte oder Dienstleistungen auf den Weg und machen damit Bremen ein Stück besser“, so Kristina Vogt, Senatorin für Wirtschaft, Häfen und Transformation.
Von Insa Lohmann
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(Bild: © Cambio) Sozialunternehmen schaffen messbaren Mehrwert für die Gesellschaft. Wie das konkret in Bremen aussieht und warum das uns allen nützt.



