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„Wir können den Offshore-Windenergieausbau beschleunigen!“

Zwei Personen in identischen marineblauen Kapuzenpullis stehen in einer Werkstatt. Eine von ihnen hält eine Gerätebox in der Hand, während hinter ihnen Regale, ordentlich aufgereihte Werkzeuge, Kabel und Behälter entlang der Wand angeordnet sind.

Das Bremer Start-up Flucto entwickelt digitale Monitoring- und Analyselösungen für die Offshore-Windindustrie. Als Spin-off der Universität Bremen arbeitet das Unternehmen daran, die Installation von Windenergieanlagen sicherer, effizienter und besser planbar zu machen.  

Dafür kombiniert Flucto Sensorik, Echtzeitdaten und eigens entwickelte Software zu einer Art „digitalem Cockpit“ für Offshore-Installationen. Das System kommt direkt auf Installationsschiffen zum Einsatz und hilft den Crews dabei, komplexe Prozesse unter schwierigen Wetter- und Seebedingungen zu überwachen und Entscheidungen in Echtzeit zu treffen.  

Gegründet wurde Flucto von Aljoscha Sander, der an der Universität Bremen zur Physik von Windturbinen forschte. Gemeinsam mit Geschäftsführerin Carolina Gomez Rodriguez sprach er mit dem Bremer Staatsrat für Häfen, Kai Stührenberg: 

Kai Stührenberg: Bei so komplexen und kostenintensiven Operationen wie Offshore-Installationen würden viele denken, dass diese bereits bestens mit modernsten Technologien digital vernetzt sind. Wie kommen Sie da ins Spiel? 

Aljoscha Sander: Der Installationsprozess läuft heute oft erstaunlich analog. Viele Entscheidungen werden mit Funkgeräten, einzelnen Rechnern und Excel-Tabellen getroffen. 

Wir beschreiben das manchmal so: Es ist, als würde man ein Flugzeug fliegen – aber ohne Cockpit. Wenn man wissen will, was gerade passiert, muss man Menschen anfunken, die im Triebwerk oder im Flügel sitzen. Deshalb haben wir eine Art digitales Cockpit entwickelt. Unsere Software bündelt alle relevanten Informationen in Echtzeit – auf Tablets, Rechnern oder Handys direkt auf dem Schiff. Das System zeigt sofort, wenn etwas kritisch wird, und sorgt dafür, dass alle denselben Überblick haben. 

Das klingt erst mal simpel, macht aber einen riesigen Unterschied, denn der Windenergie-Ausbau wird immer komplexer. 

Stührenberg: Warum ist das so? 

Carolina Gomez: Die Offshore-Installation ist mittlerweile eines der großen Bottlenecks beim Ausbau der Windenergie geworden. Die Schiffe werden immer größer, teurer und seltener verfügbar. Das liegt daran, dass die Anlagen immer größer werden. Man arbeitet dort oben in 120 bis 150 Metern Nabenhöhe, mit Wind, Wellen und permanenten Bewegungen. Selbst bei komplett ruhiger See bewegt sich das System noch. Trotzdem müssen die Bauteile zentimetergenau installiert werden. 

Sander: Viele denken erst mal: Dann baut man die Anlagen eben einfach stabil genug, sodass egal ist, was drumherum passiert. Genau das dachte die Industrie anfangs auch. Das Problem ist aber: Windenergieanlagen sind nicht dafür gebaut, möglichst einfach installierbar zu sein, sondern möglichst effizient Strom zu erzeugen. 

Und physikalisch wird das Ganze komplex. Wenn ein Turm plötzlich nur 20 Prozent höher wird, kann sich das Verhalten der gesamten Anlage überproportional verändern. Weltweit gibt es vielleicht nur ein Dutzend Leute, die sich wissenschaftlich intensiv mit genau diesen Problemen beschäftigen. 

Und da kommen Sie ins Spiel und bringen alle Daten zusammen in einer Software. Das ist auch eine große Umstellung für die Anwenderinnen und Anwender. Wie kommen die mit den neuen Systemen zurecht?  

Gomez: Am Anfang meistens skeptisch. Die ersten Wochen werden wir ignoriert, danach wird sich beschwert, warum alles komplizierter wird. Aber nach ein paar Monaten will uns niemand mehr missen. Diese Branche ist extrem erfahrungsgetrieben. Neue Systeme werden nur akzeptiert, wenn sie offshore wirklich funktionieren. 

Wer sind denn Ihre Auftraggebenden? 

Gomez: Heute vor allem die installierenden Unternehmen, also die Schiffsbetreibenden. Teilweise arbeiten wir aber auch mit Projektentwickler:innen zusammen. Wir sind letztlich Teil dieses gesamten Installationsprozesses geworden. 

Interessant ist: Unsere Kundinnen und Kunden kaufen meistens keine Hardware, sondern eine Dienstleistung. Wir kommen mit unserem System offshore und liefern Echtzeitinformationen während der Installation. 

Wie groß ist der Markt denn? 

Sander:  Eigentlich ziemlich klein. Weltweit gibt es vielleicht sechs oder sieben große Installationsunternehmen, ein paar Hersteller und einige große Auftraggebende. Das ist kein klassischer Skalierungsmarkt, sondern eher eine Community, in der sich alle kennen. 

Deshalb funktionieren typische Start-up-Mechanismen hier auch nicht wirklich. Wir brauchen keine große Marketingstrategie – vieles läuft über persönliche Kontakte und Mundpropaganda. Gleichzeitig gibt es dadurch aber auch kaum Konkurrenz, wir haben eine Nische gefunden. Unsere Arbeit verbindet Physik, Offshore-Erfahrung, Messtechnik, Netzwerktechnik und Softwareentwicklung. Diese Kombination ist speziell. 

Wie sind Sie eigentlich als Team aufgestellt? 

Sander: Ich bin mehr fürs Technische zuständig, Carolina kümmert sich heute vor allem um Organisation, Finanzen und alles Administrative. Gerade bei einem Unternehmen wie unserem ist das unglaublich wichtig, denn wir machen unser Geld nur in der Installationssaison und haben viel mit großen Konzernen zu tun, bei denen die Mühlen langsam mahlen.  

Und weil der Markt saisonal ist, tun wir uns mit Wachstum teilweise schwer. Zwischen März und September gibt es viele Projekte, danach ist vieles unsicher. Trotzdem versuchen wir bewusst, Dinge anders zu machen. Transparenz ist uns zum Beispiel sehr wichtig. Alle zwölf Mitarbeitenden wissen, wie es dem Unternehmen geht, wir verdienen alle gleich viel und wir verstehen uns vor allem als Teil der Energiewende. 

Fühlen Sie sich als Unternehmen wohl in Bremen? 

Gomez: Grundsätzlich ja. Bremen hat viele Stärken: kurze Wege, vergleichsweise bezahlbaren Wohnraum, gute Infrastruktur und starke Partner wie die Wirtschaftsförderung Bremen. Gerade für Start-ups hat die Stadt großes Potenzial. Das Technologiezentrum BITZ in dem wir hier sitzen, ist ein wunderbarer Service. 

Trotzdem gibt es Herausforderungen, über die man offen sprechen muss. Für kleine Unternehmen ist eine schnelle, funktionierende Verwaltung extrem wichtig. Wir warten in manchen Fällen Wochen auf Schreiben.Genau deshalb wünschen wir uns vor allem eine funktionierende, moderne Verwaltung. Denn eigentlich hat Bremen alles, um ein noch stärkerer Standort für innovative Unternehmen zu sein. 

Wo sehen Sie weiteren Verbesserungsbedarf? 

Sander: Vor allem bei Bürokratie und Fachkräfteeinwanderung. Wir möchten internationale Mitarbeitende einstellen, aber manche Vorgaben der Bundesgesetzgebung machen das unnötig kompliziert, auch wenn die entsprechenden Stellen hier in Bremen, wie zum Beispiel der Willkommensservice, sehr kompetent und bemüht sind, uns weiterzuhelfen.  

Außerdem fällt auf, dass Start-ups stärker vernetzt und sichtbarer unterstützt werden könnten. Bremen hat enormes Potenzial, aber dafür braucht es funktionierende Verwaltung und ein stärkeres Ökosystem für Gründerinnen und Gründer. Und das würde sich dann auch herumsprechen, sind wir überzeugt. 

Vielen Dank für das Gespräch! 

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